Monatsarchiv für Mai 2014

Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 11: Hiker hunger

Geschrieben von WanderLena am 23. Mai 2014 | Abgelegt unter Allgemein

Meile 330: Wir treffen Ryan und Karrie wieder. “Ich habe gehört,  ihr seit nass geworden…?” begrüßt Ryan uns. Wenn ich auf dem PCT so schnell vorankommen würde, wie trail-rumours, wäre ich schon Anfang Juni in Kanada….

Meile 331: Im Gänsemarsch steigen wir einen Hügel hinauf. In 12 Meilen erreichen wir den Cajon Pass. Der PCT führt dort wenig reizvoll direkt unter dem vierspurigen Highway 138 durch. Trotzdem drehen sich 90 Prozent aller Trail-Gespräche der letzten 48 Stunden sehnsuchtsvoll um diesen Pass,  PCT Hiker eilen schnellen Schrittes an uns vorbei, “see you at cajon pass”, rufen sie mit leuchtenden Augen, als ob bei Meile 342 das Ende des Regenbogens und eine Schüssel voll Gold warten würden.  

Die Wahrheit ist viel besser. Es ist keine goldene Schüssel. Sondern ein grosses, geschwungenes goldfarbenes “M”. Nach fast 80 Trail-Meilen ohne Einkaufsmöglichkeit endlich wieder essen soviel man möchte. Wir verbrennen täglich mehrere tausend Kalorien, ich habe ständig Hunger und unglücklicherweise haben wir heute morgen unsere letzten Lebensmitel aufgebraucht.  Also kreisen auch meine Gedanken seit Stunden fast unablässig um Burger, Pommes und Eiscreme.

Das Gute: ohne Essen ist mein Rucksack angenehm leicht, so dass ich eine Weile sogar mit dem langbeinigen Ryan Schritt halten kann. Aber dessen Gesellschaft entpuppt sich bald als die grösste vorstellbare  Folter. “Hej Karrie, weisst du noch, dieses mexikanische Restaurant, in dem wir im April waren? Diese Enchilladas…” “Karrie, kannst du dich an diese kleine Bäckerei in Orgeon erinnern? Mit den leckeren Zimtbageln?” “Sag mal Lena, was gibt es eigentlich in Deutschland für Gebäck?” Ich frage ihn, ob wir uns über Politik unterhalten können. Dazu hat er keine Lust. Aber er hat sich einen McDonalds-Rapsong ausgedacht, den könne er mir gerne mal vorsingen: “Hurry up quick and move those feet. We’re going to McDonalds to get us a treat.” Bea macht Beatbox-Geräusche. Ich lasse mich unaufällig zurückfallen.

Meile 342: Das ist unser zweiter McDonalds-Besuch in 24 Stunden. Gestern nachmittag haben wir je ein großes Menü und einen McSundae Eisbecher verschlungen, danach haben wir im Tankstellen-Shop Chips und Schokolade geholt und uns damit  im Best Western Hotel ein paar hundert Yards weiter verschanzt. Zum Frühstück heute morgen habe ich zwei Bagel, vier Waffeln und einen Kuchen gegessen. Eigentlich bin ich satt, aber der Weg zurück zum trail führt sowieso am McDonalds vorbei, und da wäre es doch schade, die Gelegenheit verstreichen zu lassen. Es ist Mittagszeit und der Laden ist voll. Auf der einen Seite sitzen seriös gekleidete, saubere Raststättenbesucher mit ihrer kleinen Portion Pommes und ihrem Burger. Auf der anderen Seite konzentriert sich ein Haufen dreckiger, verschwitzter Gestalten, die gierig ihr drittes Happy Meal hinunterschlingen und dann für Nachschlag anstehen. Früher oder später erwischt es jeden von uns: Welcome to the world of hiker hunger.

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 10: It never rains in Southern California

Geschrieben von WanderLena am 22. Mai 2014 | Abgelegt unter Allgemein

Meile 307: Nach der Spa-Einlage ziehen wir spätnachmittags weiter. “Heute nacht soll es regnen,” warnt uns eine entgegenkommende PCT-Wanderin. Von den Hot Springs aus führt der trail als schmaler Pfad die letzten Ausläufer der San Bernardino Berge hinunter in die Mojave Wüste, Zeltplätze, weiss die Wanderin, gäbe es nordwärts frühestens in 10 Meilen. Ausser drei Meilen flussaufwärts, unter einer Fussgängerbrücke. “Versucht es dort”, rät sie, ” Da gibt es ein paar flache Stellen.” Wir eilen los.

Meile 310: Wir finden die kleine Sandbucht, schlagen unsere Zelte am Flussufer auf, kochen ein paar Instantnudeln und gehen vor Einbruch der Dunkelheit zu Bett. Soll der Regen doch  kommen.

Gegen neun wache ich auf. Der Wind rüttelt heftig an meinem Zelt und versetzt die dünne Plane in geräuschvolle Schwingungen, die weit oberhalb der Lärmschutzgrenze liegen.

Elf Uhr. Die letzte kräftige Böe muss einen der Heringe aus dem weichen Sandboden gerissen haben. Dort wo mein Kopf ist, hängt die Zeltplane jetzt so weit hinunter, dass sie meine Nasenspitze berührt.

Halb zwölf. Der zweite Hering verabschiedet sich. Ein Stück Zeltplane senkt sich auf meine Fussspitzen. Die Apsis schwankt besorgniserregend. Fluchend krieche ich aus dem Zelt, um den Schaden zu beheben. Im matten Licht meiner Stirnlampe taste ich nach den fehlenden Heringen.

Ein Uhr dreissig. Der Wind heult. Ich liege unter meinem eingestürzten Ultralight-Zelt begraben und denke über die Bibel nach, Matthäus 7, Vers 24-27: “Nur ein törichter Mann baut sein Haus auf Sand.” Seufzend kämpfe ich mich aus dem flatternden Haufen Zeltplane, sammele die kreuz und quer im Sand verstreuten Heringe ein und packe zusammen. Den Rest der Nacht schlafe ich unter freiem Himmel und warte auf den Regenschauer. Doch wenigstens  der bleibt aus.

Meile 322: Bea, Sockpod und ich sitzen am Trail und kochen Mittagessen. Eine dicke schwarze Wolke türmt sich bedrohlich über uns auf, bald fallen die ersten Tropfen. Hektisch kramen wir nach unseren Regensachen – da wir in der Wüste sind, hat bisher auch keiner ernsthaft an Regen geglaubt, und wir alle haben unsere Capes und Rucksackhüllen tief unten im Rucksack verstaut. Die Suche nach der Schutzausrüstung dauert länger als der Regenschauer – nach fünf Minuten ist alles wieder vorbei.

Meile 324: Nachmittags führt der trail uns am Ufer eines grossen Stausees entlang. Dicht bewachsene Steilufer und kleine, beschauliche Sandbuchten wechseln sich ab. Lake Silverwood weckt Erinnerungen an Irland. Wie auf der grünen Insel ist es auch hier heute zu kalt zum baden.

Meile 328: Eine komfortablere, und doch gleichzeitig völlig kostenfreie Übernachtungsmöglichkeit als die weitläufige “Cleghorn Picnic Area” kann man sich nicht wünschen: Einsam und menschenleer liegt der Platz direkt am See. Es gibt Toiletten, fliessend Wasser, einen Mülleimer und Tische und

Bänke. Und: es ist absolut windstill. Ich bin begeistert. “Schau dir diesen riesigen Rasen an, Bea – wenn das mal nicht DER ideale Zeltplatz ist.” Mitten auf dem satten Grün schlagen wir unsere Zelte auf. Hier fliegt kein Hering weg, soviel steht fest. Zufrieden mümmele ich mich in meinen Schlafsack und döse ein.

Elf Uhr dreissig. Erschrocken fahre ich hoch. Es regnet aus Kübeln. Obwohl -irgendetwas stimmt da nicht. Es klingt, als ob jemand eimerweise Wasser auf meinem Zelt auskippt und  gleichzeitig einen vollaufgedrehten Gartenschlauch direkt an die Zeltwand hält.  Dreissig Sekunden lang ist es still, dann geht der Terror von vorne los. Schlagartig wird mir klar, in welcher  Misere wir stecken. Ich lache hysterisch auf. Sattes Grün? In Südkalifornien? Wir campen direkt unter einem blöden Rasensprenkler. Tagsüber entdeckt man die ins Gras eingelassenen Düsen nur, wenn man genau hinsieht, erst des nachts wachsen die Regenmacher aus dem Boden und nehmen ihre Arbeit computergesteuert auf. Hektisch packe ich meine Sachen zusammen und bereite mich auf die Evakuation vor. Wusch. Der nächste Schwall. Läuft so ein Ding eigentlich die ganze Nacht durch? Trozig lege ich mich wieder hin. Bis jetzt hält mein Zelt dem Platzregen stand, hier drinnen ist alles trocken. Und so lange sich daran nichts ändert, werde ich hier ausharren.  

Tageslicht. Sechs Uhr. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Was für ein Glück, hier drinnen ist alles trocken geblieben. Von aussen allerdings ist das Zelt klitschnass. Beas Lage ist ähnlich. So können wir die Planen unmöglich einpacken. Uns bleibt nichts übrig, ausser zu warten, bis die Sonne unsere Zelte trocknet.

Gegen zehn Uhr kommen Packabear und seine Freundin vorbei, um ihre Wasservorräte aufzufüllen.”Wow, habt ihr hier übernachtet? Was für ein schöner Platz.” Ja, ich seufze – zu schön um wahr zu sein…

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 9: California wildlife, part 2

Geschrieben von WanderLena am 22. Mai 2014 | Abgelegt unter Allgemein

Meile 307: Smuggles, der alte Spassverderber, hat gesagt, wenn du in den Deep Creek Hot Springs badest, dringen fiese Killer-Amöben durch deine Nasenschleimhaut in deinen Kopf und fressen dein Gehirn auf.

Die französischen Touristen, die munter in den 40 Grad heissen Naturbecken am Deep Creek planschen, wirken auf mich nicht wie gehirnlose Zombies. An dem kleinen Sandstrand sitzt ein kalifornischer Althippie. Er und seine Freunde kommen seit Jahren regelmässig zum baden in die abgelegen Bucht, gibt er Auskunft. Gut, sein Kumpel trägt keine Hosen, aber weitere Langzeitschäden scheinen die Quellen auch bei ihnen nicht hinterlassen zu haben. Ausserdem ist unsere letzte Dusche schon fast eine Woche her – die Sache ist entschieden und wir machen es uns in einem der heissen Thermalbecken bequem. Nur unsere Nasen halten wir gewissenhaft oberhalb der Wasseroberfläche. Man weiss ja nie.

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 8: California wildlife

Geschrieben von WanderLena am 22. Mai 2014 | Abgelegt unter Allgemein

Meile 249: Es ist fruehmorgens, beschwingt laufe ich  durch einen schattigen Kiefernwald, ein paar Voegel zwitschern, als aus der Ferne ploetzlich ein dunkles Grollen ertönt. Habe ich mich verhört? Nein, da ist es wieder. Ein Baer.

Meile 250: Genauer gesagt sind es sogar zwei Baeren: ein pummeliger Schwarzbaer und ein gewaltiger Grizzly. Der Grizzly bruellt gerade den kleinen Schwarzen nieder, als er uns entdeckt. Er stellt sich drohend auf die Hinterbeine und fixiert uns.  Ich winke ihm freundlich zu und beisse in einen Muesliriegel. “He Grizzly, wie erkennt man  den Unterschied zwischen einem Schwarzbärhaufen und einem Grizzlyhaufen? – Im Grizzlyhaufen sind Glocken und er riecht nach Pfeffer.” Der Grizzly grollt. Humor hat er also nicht. Auch der Löwe und der Tiger weiter hinten scheinen ziemlich schlechte Laune zu haben. Hätte ich aber wahrscheinlich auch, wenn ich mitten im Wald in einem viel zu engen Käfig eingesperrt wäre. Keine besonders nette Art, mit Filmstars umzugehen. Die “wild animal cages” an denen der PCT vorbeiführt, sind eine entlegene Aussenstelle Hollywoods. Der Tiger, so munkelt man, hat in “Gladiator”mitgespielt.

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 7: Hiking without a guitar is ultralight, but far too sad.

Geschrieben von WanderLena am 22. Mai 2014 | Abgelegt unter Allgemein

Meile 210: “Trail angels ahead” kuendigt eine hoelzerne Tafel an. “Food”, “Cold Drinks”, “Shower” und “Laundry” steht auf weiteren Tafeln entlang des  trails zu lesen. Wir sind froh, dem bruetend heissen, bissigen Wuestenwind fuer eine Weile zu entkommen und folgen den Wegweisern bis in einen von einer Bretterwand eingezaeunten Hinterhof. Hier wohnen “Ziggy and the Bear”, ein  älteres Ehepaar mit einem grossen Herz fuer PCT Hiker.

Auf der schattigen Veranda sind fast alle versammelt die uns in den letzten Tagen auf dem trail begegnet sind: der junge Englaender, dem beim Abstieg vom Mount San Jacinto das Wasser ausgegangen ist, die drei Ex-Soldaten, die mit der Charity-Organisation “Walking Warriors” unterwegs sind, ein liebenswuerdiges Paerchen namens “Horrible” und “Terrible” und einige mehr.  

Eine weitere dreckige, verschwitzte Gestalt betritt kurz nach uns den Hof. “No way”, rufe ich, Haendeschuetteln, Gelaechter: Ben, “Shredder”, muesste uns eigentlich weit voraus sein: er laeuft doppelt so schnell wie wir, macht im Schnitt 25 Meilen am Tag und traegt einen winzigen Rucksack. Und eine Ukulele. Ben und seine Ukulele haben wir  am Lake Morena kennengelernt. Eine Woche später,  bei Scissors Crossing, tauchte er wieder auf. Diesmal ohne Gitarre. “Too heavy”, antwortete er damals mit einem Schulterzucken auf die Frage nach dem Instrument. Jetzt  sinkt er in das speckige Sofa und klimpert seelig vor sich hin. “Weisst du”, erklaert er, “mein Rucksack war zwar ohne die Gitarre leichter, aber ohne sie war ich so traurig.Und einsam.” Er grinst und schlaegt einen weiteren Akkord an. “Also habe ich sie mir wiedergeholt. Die wichtigsten zwei Pfund in meiner Grundausrüstung.”

Wir bekommen ein Fussbad hingestellt und trinken kalte Sodas. Einer nach dem anderen verschwindet in der kleinen Duschkabine am Ende des Hofs.  Ein ehrenamtlicher Helfer nimmt eine Sammelbestellung fuer Burger King auf. Schlaefrige Ruhe breitet sich aus.

“Glaubt ihr, dass man sein Leben selber lenkt, oder ist alles was passiert Schicksal und vorherbestimmt?” will Ben wissen  und schiebt sich eine letzte Pommes in den Mund. Ich bin eigentlich  zu satt fuer Philosophie. “Hääh?” frage ich ausweichend. “Ich meine, wie um alles in der Welt bin ich eigentlich hier gelandet: irgendwo mitten in der Wueste, im Hinterhof wildfremder Leute, mit einem Haufen ungewaschener Typen und einem Doppelwopper?”  

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Schrittzaehler. Pacific Crest Trail, Kapitel 6: Snow. Snow?

Geschrieben von WanderLena am 19. Mai 2014 | Abgelegt unter Allgemein

IMG_2014051928623Meile 151: Trail closure. Im letzten Jahr gab es in der Gegend um Idyllwild heftige Waldbraende, der Trail ist noch immer von umstuerzenden Baeumen blockiert. Zutritt strengstens verboten. Erst vor kurzem wurden zwei Hiker im gesperrten Gebiet erwischt – beide mussten mehrere tausend Dollar Strafe zahlen.  Wir versuessen uns die Zwangspause erst einmal mit Tortillas und Bier im Paradise Corner Cafe und waegen unsere Optionen ab. “Puristen” unter den PCT Hikern laufen die 20 Meilen bis Idyllwild am Highway entlang.  Oder…wir schummeln. Es ist heiss und die Strasse nach Idyllwild fuehrt stetig bergauf. Die Versuchung ist also mehr als gross. Mit an unserem Tisch sitzen Karrie, Ian und Ryan. Alle drei wollen nach Idyllwild trampen. Wir schwanken noch, als ein Auto vor dem Café haelt. “Hej,” ruft der Fahrer, “Wir fahren zum Lake Morena, zum PCT Kick-Off-Event. Wollt ihr mitfahren?” Der PCT Kick-Off am Lake Morena ist so etwas wie der offizielle Startschuss fuer die Through-Hiker-Saison, ein kleines Festival, das jedes Jahr Ende April stattfindet. Der Neuankoemmling ist PCT-Veteran und heisst “Storyteller”. Wir erklaeren, dass wir unterwegs in die andere Richtung sind, nach Idyllwild. Storyteller  zuckt mit den Schultern. “Ok. Kein Problem, ich fahr euch.” Das schoenste an der Versuchung ist, ihr nachzugeben.

Meile 179, off trail: “Ihr bleibt besser hier, bis der Schneesturm vorbei ist.” raet Jim, Eigentuemer des outdoor shops “Nomad adventures” in Idyllwild. Er zeigt auf die gewaltigen Felsen, die sich ueber dem Ort auftuermen.”Dort oben wird es heute nacht ziemlich ungemuetlich.”

Das ist doch ein schlechter Scherz – noch vor ein paar Stunden sassen wir in kurzen Hosen unten vor dem Paradise Corner Cafe in der Mittagshitze und  jetzt, nur ein paar hundert Meter weiter oben, sollen wir uns vor einem Schneesturm verschanzen? Mully, PCT Hiker aus LA, betritt den Laden und sieht frustriert aus. “Hej Leute, hier gibt es kein einziges Hotelzimmer mehr.  Keiner will raus in den Schneesturm.” Schoene Aussichten. Wir haengen noch eine Weile bei Jim herum. Bea braucht neue Schuhe, ich kaufe vorsichtshalber einen Regenschutz. “Ich ruf mal bei der Silver Pine Lodge an – vielleicht haben die ja doch noch was frei.” sagt Jim schliesslich. Volltreffer. Jemand hat vor fuenf Minuten storniert. Wir bekommen ein Zimmer. Allerdings nur wenn wir zwei Naechte bleiben.

Meile 179, off trail: “zero day”: Ueber nacht ist Schnee gefallen. In der Lounge der Silver Pine Lodge prasselt das Kaminfeuer. Frischgeduscht sinke ich in das schwere Ledersofa und lege die Beine hoch. Ich habe nicht vor, mich hier  heute noch einmal wegzubewegen…

Meile 182: Zurueck zum trail. Frueh am morgen steigen wir ueber “devils slide”, die “Teufelsrutsche”, auf zum 10.800 Fuss hohen Mount San Jacinto. Die weisgepuderten Felsen glaenzen in der Morgensonne, unter uns liegen dichte Tannenwaelder. Wir sind guter Dinge, fuehlen uns ausgeruht und bereit fuer Rekordmeilen.

Meile 189: Seit Stunden stecken wir bis zu den Knoecheln in sulzigem, nassem Glibberschnee. Mit jedem Schritt vorwaerts rutschen wir zwei Schritte zurueck, unsere Fuesse sind pitschnass, die Daemmerung bricht ein und ein eiskalter Wind pfeifft uns um die Ohren. Ich bin zutiefst erkschoepft. Auf dem engen Gebirgspfad ist kein Platz fuer ein Zelt, cowboycamping bei diesem Wetter unvorstellbar. Erst in drei Meilen, hinter dem Pass, soll ein flacher Zeltplatz kommen.

Meile 192: Im Stockfinstern versuche ich, mit klammen Fingern und laut fluchend, die Zeltheringe im sulzigen Schnee zu befestigen. Wenigstens habe ich ein richtiges Zelt, troeste ich mich. Ein paar Meter weiter entdecke ich einen Hiker, der unter einem halboffenen Tarptent kauert…

Meile 193: Endlich wieder unter der Schneefallgrenze. 13 Meilen  Abstieg liegen vor uns. Ich spuere, wie auf meinen durchweichten Fuessen eine Blase nach der anderen spriesst.

Meile 205: Eine Meile, bevor der Bergpfad ins Tal muendet, campen wir. Ueber uns thront der schneebedeckte Gipfel des Mount San Jacinto. Unter uns glueht die Mohave-Wueste. Am Horizont ist eine grosse Tube Abendrot ausgelaufen.

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