Monatsarchiv für Juni 2014

Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 14: Dry

Geschrieben von WanderLena am 22. Juni 2014 | Abgelegt unter Allgemein

IMG_2014062235561Meile 600: Es reicht. Seit Tagen raunen es sich die PCT-Hiker zu: “Wir haben genug von der Wüste. Die Sonne. Der Wind. Der Sand. Der Durst.” Das Surren eines der unzähligen Windräder, die sich ohne Unterlass  im Wüstenwind um Tehachapi und Mojave  drehen, unterbricht kurzeitig ihren Gedankengang. Dann ein sehnsuchtsvoller Seufzer und ein verklärter Gesichtsausdruck: “Warte nur, bis wir in den High Sierras sind. Die Berge. Die Wälder. Die Seen. Die Flüsse.” Noch ein Seufzer: “Oh man, ich kanns gar nicht erwarten.” Bei über 30 Grad im Schatten kreisen die Gespräche immer öfter um schneebedeckte Pässe,  lange Unterwäsche, Eispickel und Steigeisen. Nur  noch  hundert Meilen, bevor wir von Kennedy Meadows aus das Tor zu den Sierras durchschreiten. Hundert Meilen. Weniger als eine Woche.

Meile 605: Und dann das: “Habt ihr den aktuellen water report gelesen? Der Wasservorrat am Bird Spring Pass bei Meile 630 ist leer. Zwischen Willow Spring und Walker Pass gibt es also keine verlässliche Wasserquelle.” Ich schlucke. Das sind dreissig Meilen ohne Wasser. Einundhalb Tage. Bei glühender Hitze. Wir müssen mindestens sechs Liter Wasser pro Person tragen. Allein bei dem Gedanke bekomme ich Knieschmerzen.

Meile 615: Ein Jeep parkt an der holprigen Kelso Valley Road die mitten durch  die Mojavewüste führt. Von weitem sehen wir schon, wie ein Mann und eine Frau literweise Wasserkanister ausladen. Trail Angel. Sie haben eine riesige Kühltruhe mit frischem Obst und kalten Getränken dabei.  Noch viel erfrischender als der Geschmack eisgekühlter Weintrauben aber sind die Neuigkeiten, die die Frau hat: “Wir kommen gerade vom Bird Spring Pass und haben dort 120 Gallonen Wasser deponiert.” Ich würde ihr am liebsten um den Hals fallen vor Dankbarkeit. Den Rest des Tages vollführe ich immer wieder kleine Freudentänze auf dem Trail.

Meile 633: Sonderbar stachelige Joshuatrees, die nur in diesem Teil Südkaliforniens wachsen, säumen den trail zu Hauf. Die Wüste wellt sich gold und rot schimmernd bis zum Horizont. Wir, zwei kleine, bedeutungslose Punkte im Sand, verlieren uns in der unendlichen, menschenleeren Weite. Was für ein Showdown.

Meile 645: Unvermittelt tauchen sie hinter einer Wegbiegung auf: majestätisch thronen die schneebedeckten Berggipfel der High Sierras in der Ferne. Ich bkeibe stehen und genieße einen Moment des stillen Triumphs. Wir haben die Wüste bezwungen.

Meile 646: Sssss…Erschrocken springe ich zurück. Nur wenige Meter vor mir auf dem trail richtet sich eine  Klapperschlange auf und faucht mich drohend an. Angespannt warte ich, bis das riesige Tier in die Büsche verschwindet, dann tapse ich auf Zehenspitzen vorbei. Aus dem Unterholz zischelt die Schlange mir spöttisch hinterher: “Auch wenn ihr jetzt sechs Wochen durch die Wüste gestolpert seit und euch deswegen  wie Superhelden fühlt – hier  habe nach wie vor  ICH das Sagen.”

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 13: Rich and famous

Geschrieben von WanderLena am 22. Juni 2014 | Abgelegt unter Allgemein

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Meile 432: Verdammte Switchbacks. Seit Stunden schlängelt sich der Trail mal wieder in endlosen Serpentinen (”Switchbacks”) durch die Wüste: rauf auf den Hügel, runter vom Hügel, rauf auf den Hügel, runter vom Hügel, rauf auf den… mir ist schon ganz schwindlig. Es ist heiss und meine Füsse schwellen immer mehr an. Demnächst platzen meine Schuhe aus den Nähten.

Meile 435: Rauf auf den Hügel, runter vom Hügel, rauf auf den Hügel…

Meile 443: Runter vom Hügel! Geschafft. Bea steht schon unten am Parkplatz vor einem altertümlichen Wohnmobil. Hier passiert gerade “Trail magic”: PCT-Veteran Coppertone  verteilt Eiscreme an müde Wanderer, wenn er nicht gerade unbekleidet durch die Wüste joggt. Ich setze mich dazu und kicke meine Schuhe weg. Oh. Gehören diese unförmigen, aufgequollenen, rot leuchtenden Hobbitfüsse tatsächlich zu mir? Egal, nach einem Eisbecher a la Coppertone gibt sich das sicher wieder.

Oder auch nicht. Einmal aus ihrem Elend befreit wollen meine geschundenen Füße partout nicht mehr in die Schuhe zurück. In Flipflops humpele ich hinüber auf die andere Strassenseite zum KOA-Campground.

Meile 444: Ray sitzt auf der Terasse vor dem KOA-Imbiss und genehmigt sich nicht erst das erste und noch lange nicht das letzte Budweiser des Abends. Ausführlich erklärt er uns, dass er, obwohl er heute mit sechzig “vorübergehend” in einem Wohnmobil auf dem Campingplatz lebt, früher mal eine große Nummer im Rockbusiness war, als Gitarrist mit Janis Joplin und Jimi Hendrix unterwegs war und sich vor Groupies kaum retten konnte. Am Ende seufzt er und sagt wehmüig: “Well, thats my story – from rich and famous to trailer trash…” Ein Budweiser später erfahren wir, dass er einen Chagall und ein Grundstück in der Toskana besitzt und demnächst nach Europa aufbrechen wird, um mit einer “hot italian chick with big boobs” seinen Lebensabend zu verbringen. Vorher will er uns aber noch zu einem Outdoorgeschäft im “Valley”, dem Umland von Los Angeles, fahren. Ich brauche nämlich eindeutig neue Schuhe…

Weil es so warm ist, haben wir im Freien geschlafen. Ich schlage die Augen auf und Ray steht vor mir. “Hast du den Löwen heute nacht brüllen gehört?” Ich nicke verschlafen. “Das sind die Tiere von Tipi. Du kennst doch Tipi, Tipi Hedren? Die aus den Hitchcock-Filmen? Sie betreibt ein Asyl für wilde Tiere hier ganz in der Nähe. Michael Jacksons Tiger hat sie auch aufgenommen. Tolle Frau. Aber zu alt für mich. Wann fahren wir ins Valley?”

Der Weg ins Valley führt über einen staubigen Highway. Vor einem unscheinbaren Tunnel verlangsamt der rasende Ray seine Fahrt. “Erinnert ihr euch an den Film “Zurück in die Zukunft”? Die Szene, in der der Professor und Michael Fox mit dem Delorean in die Zukunft fahren? Das ist der Tunnel, in dem sie das gedreht haben.” Wir machen eifrig Fotos.

Bewaffnet mit neuen  knallpinknen Trailrunner-Schuhen wollen wir uns eigentlich im Morgengrauen Richtung Aqua Dulce aufmachen, um der unbarmherzigen Hitze zu entkommen. Doch der KOA-Imbiss macht erst um acht Uhr auf. Wäre doch traurig, ohne Pancakes aufzubrechen…Beim Frühstück erzählt mir die junge Kellnerin, dass sie  als Siebenjährige eine CD mit Kinderliedern aufgenommen hat, die es in England ziemlich weit nach oben in die Hitparade geschafft hat. Zum Abschied mache ich ein Foto von ihr. Ray ruft, seinen Kaffee schlürfend, zu der Kellnerin herüber: “Oh, junge Dame, das Foto landet sicher auf Lenas Blog und dann wirst du wohl berühmt in Europa…” Abgebrüht lächelt sie und winkt ab: “Das war ich doch schon längst, Ray, das war ich schon…”

Meile 452: In der brütenden Mittagshitze laufen wir an “Vasquez Rocks” vorbei: riesige, fantastisch geformte Felsformationen türmen sich vor uns auf. Übrigens….erinnert sich jemand an die Szene aus Star Wars, in der die zwei Druiden entführt werden? Die wurde hier gedreht.

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 12: Nightmare on PCt

Geschrieben von WanderLena am 22. Juni 2014 | Abgelegt unter Allgemein

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Meile 418: Los Angeles Forest. Scheinbar wurden wir adoptiert. Vorgestern trafen wir Trailrunner Ken und seine Freunde aus dem nahe gelegenen Lancaster. Ken ist extrem kommunikativ und sehr um unsere Ernährung besorgt. An einer Rangerstation  kreuzt der Trail heute den Highway. Hier wartet Ken mit Cheese-Bagels, Gatorade und guten Ratschlägen auf uns: Die folgenden 5 Meilen des Trails sind dicht von poodledog-bush überwuchert. Das giftige Unkraut wuchert überall dort, wo einmal ein Waldbrand gewütet hat und löst einen juckenden Hautausschlag aus. Ken erklärt uns, wie wir die Gefahren-Zone umgehen.  ”In zwei Meilen kreuzt der Trail eine Landstrasse. Folgt der Strasse fünf Meilen. Kurz nach der Jugendvollzugsanstalt Mount Gleason Camp trefft ihr dann wieder auf den Trail. Am besten ihr übernachtet am Mount Gleason Camp, es liegt mitten im Wald und dort gibt es jede Menge gute Zeltplätze.” Äääh…campen mit verurteilten Drogendealern und pubertierenden Schlägern…hat der sie noch alle…?

Meile 422: Seit über einer Stunde folgen wir der baufälligen Landstrasse, ohne dass auch nur ein einziges Auto an uns vorbeifährt. Einsame Bergkuppen erstrecken sich bis zum Horizont. Golden schimmert das Hügelmeer in der Spätnachmittagssonne.

Meile 423: Hunderte verkohlter Skelette ragen in den rosafarbenen Abendhimmel. Immer tiefer führt die Strasse uns in den toten Wald, endlos, gleich einer Geister-Armee, reihen sich die verbrannten Bäume auf. Wir stören ihre Mahnwache. Ein Knistern. Ein Knacken. Im Nacken die glühende Hitze gieriger Flammen. Ich versuche das Unbehagen abzuschütteln: Das Feuer ist schliesslich bereits vor Jahren erloschen.

Meile 424: Zwei steinerne Kreuze auf einer Anhöhe, eine Tafel mit Zeitungsausschnitten vom Sommer 2009. Die Blumen am Mahnmal sind frisch. Über 650 Quadratkilometer Land sind dem “Station Fire”, einem der verheerendsten Waldbrände Kaliforniens zum Opfer gefallen. Zwei Feuerwehrmänner ließen in den Flammen ihr Leben. Die Schatten werden länger, der Tag neigt sich langsam seinem Ende.

Meile 425: Dämmerung. Vollmond. Mitten im Niemandsland passieren wir das Eingangstor von Camp Mount Gleason. In der verkohlten Ruine des Pförtnerhauses steht ein rußgefärbter Schreibtischstuhl. Wartet auf einen Torwächter, der nie mehr zurückkehren wird. Die meisten Zellenblocks sind bis auf die Grundmauern niedergebrannt und dicht von poodledog-bush überwuchert. In einigen Gebäuden wurden verrusste Möbel zurückgelassen: Betten, Schränke. Die rostige Türe eines Aktenschranks quitscht leise im Wind. Ein Basketball-Korb hat das Feuer unbeschadet überstanden. Etwas raschelt in den Ruinen. Wir gehen schneller.

Meile 425: Endlich am Ausgang des Camps. Ein paar hundert Meter vor uns tanzt ein Lichtpunkt in der einbrechenden Dunkelheit. Eine Stirnlampe. Nein – zwei. Drei. Der Trail.

Meile 426: Wir campen zu fünft am Rand der verlassenen Strasse und blicken bis weit ins Tal. Zu unseren Füßen leuchten die Lichter von Los Angeles.  Hollywood kann einpacken. Die perfekte Horrorfilm-Kulisse liegt hier oben  im Los Angeles Forest.

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