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Schrittzaehler. Pacific Crest Trail, Kapitel 25:Town traps

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 11. März 2015

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Meile 1478: Wir sitzen an einer kleinen Quelle und schwatzen. Bandit will uns überreden, in zwei Tagen in den kleinen Ort Mount Shasta zu fahren. Cancan und Überdude feiern dort ihren Geburtstag. Ich seufze. Nordkalifornien hat uns mürbe gemacht. Die Hitze ist unerträglich, die Landschaft sonnenverbrannt und eintönig. Unsere Wander-Motivation ist am Tiefpunkt. Wir häufen immer mehr „Neros“, und „Zeros“ an. Tage, an denen wir den trail schwänzen. Sierra City, Belden, Chester, Burney: wir bleiben an der Zivilisation kleben wie Schmeißfliegen am Honig.

Wir alle sind müde. Max schreibt auf facebook: „When your favorite hobby starts to feel too much like a job and you’re just not enjoying yourself, it’s time to throw in the towel.“ Immer öfter hören wir von Bekannten, die abrechen: Tentmonster bekommt Giardia und fährt von Mammoth Lakes, bei Meile 900, nach Hause. Terrible und Horrible hören irgendwo nach den Sierras auf – Knieprobleme. Back-Up und Waterfall kommen bis zum Halfway-Marker. Ich glaube, sie hatten Heimweh. Chimney Sweep hat ein Jobangebot bekommen und verlässt den trail in Ashland.

Noch denken wir nicht ans Aufgeben. Aber wir rechnen: Es ist jetzt Ende Juli – wieviele Tage bleiben uns noch, bevor unser Visum ausläuft? Und wieviel Meilen sind es noch bis Kanada? Die Bilanz ist alles andere als rosig.

Also schüttele ich den Kopf und sage entschlossen zu Bandit: „No. We`ve got to move on! We are walking straight on to the next town. Straight to Etna.“ Sie zieht eine trotzige Schnute. „But all the cool kids will go to Shasta.“

Meile 1506: Shasta. Unser Hotel hat einen Whirl-Pool. Im Zimmer steht ein 30-Zoll-Flachbildfernseher. Ich schalte die Klimaanlage an und lehne mich in die weichen Kissen meines Kingsize-Betts zurück. Bandit hatte Recht, das hier ist verdammt cool.

Morgen trampen wir in aller Frühe zurück zum trail. Ganz sicher.

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Schrittzaehler. Pacific Crest Trail, Kapitel 24:Half way there

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 11. März 2015

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Meile 1320: Es ist heiß. Mein Kopf schmerzt, der Schweiß läuft mir in Strömen hinunter. Ich würde jetzt gerne heulen. Habe aber keine Tränenflüssigkeit. Nordkalifornien ist erbarmungslos. Nicht einmal nachts kühlt es im Juli ab. Und da es im letzten Winter nicht genug geschneit hat, sind viele der sonst verlässlichen Quellen ausgetrocknet. Gestern sind wir vom trail aus zwanzig Minuten gelaufen, um zur einzigen Wasserquelle im Umkreis zu kommen. Nachdem wir uns durch tiefes Unterholz gekämpft hatten, fanden wir nur noch eine winzige Lehmpfütze. Mann, waren wir sauer.

Meile 1325: Bea sitzt auf dem staubigen Boden und wartet auf mich. Auf einem unscheinbaren Betonmarker am trail sind zwei Angaben zu lesen: „Mexiko: 1325 Miles. Canada: 1325 Miles.“ Half way there! Jubelnd umarmen wir uns.

Meile 1326: Ich trotte müde und von der Hitze benommen den Hang hinunter, die  Augen auf den steinigen Grund gerichtet. Und sehe den dicken Ast  nicht, der genau auf Höhe meiner Stirn auf den trail ragt. Der Aufprall ist dumpf, einen Moment habe ich Sternchen vor Augen, dann fluche ich laut, schreie meine Wut auf den Ast, den Baum, ach was auf dieses ganze überhitzte Land laut heraus. Bedrückt und müde gehe ich weiter. Half way there. Ich schlucke. Noch einmal 1325 Meilen.

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Schrittzaehler. Pacific Crest Trail, Kapitel 23:World Champions and Yogi-Masters

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 11. März 2015

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Meile 1155: „Seven-One! Seven-One!“ schreit Ball Hawk uns quer über den Parkplatz am Donner Pass zu. „For Brasil?“ „Nooo. For your guys!“ Mist. Deutschlands Nationalmannschaft stellt den  Planet Fußball auf den Kopf und wir tappen derweil nichtsahnend durch die Chief Granite Wilderness.

Ball Hawk und ein paar andere hiker haben es sich im Schatten einer Wellblechhütte gemütlich gemacht. Trail Angel Reno Dave serviert eisgekühlte Sodas. Wir setzen uns dazu und rechnen: in fünf Tagen steht Deutschland im Finale. Wenn wir Gas geben, schaffen wir es bis zur Quincy-LaPorte Road. Perfekt: Wir trampen von dort die 22 Meilen nach Quincy und sind rechtzeitig da, um zuzusehen,  wie Deutschland Fußballweltmeister wird. Reno Dave ist skeptisch: Die Quincy-LaPorte Road führt quer durch ein großes Waldgebiet. An guten Tagen, sagt Dave,  fährt am trailhead alle drei Stunden ein Auto vorbei. „Wenn wir es zum Finale nach Quincy schaffen und wenn Deutschland Weltmeister wird“, sage ich zu Bea „dann schaffen wir es auch bis nach Kanada.“

Meile 1235: „The trail provides“,  seufze  ich zufrieden, lehne mich in meinem Campingstuhl zurück und schlürfe ein Dr Peppers. Zippy nickt und fragt „Cheese Sandwich?“ Zippy und ihr Mann übernachten an ihren freien Tagen öfter mal am trailhead an der  Quincy-LaPorte Road und veranstalten Hiker-Picknicks.

Am nächsten Morgen quetschen Zippy, Zippys Mann, Bea, ich und ein kalbsgroßer Hund uns in einen steinalten Truck. Die Fahrt nach Quincy dauert eine Dreiviertelstunde. Uns begegnet nicht ein einziges Auto.  „You will have to yogi your ride back“ rät Zippy uns.

Sie hat Recht. Zum Glück beherschen wir das „yogi-Konzept“ nach drei Monaten auf dem trail recht gut.  Yogi schreibt im PCT-Handbuch:  „There is an art to getting from a trail town back to the trail. Be nice. Talk to the locals. If you a have the opportunity to strike up a conversation, do it. I have found that people are much more willing to drive me to the trail when it is their idea, rather than when I blatantly ask for a ride (but, of course, that was my plan all along).“ „To yogi“ erfordert eine gewisse Finesse, ist aber für jeden Lebensbereich  anwendbar: Hikers yogi food from day-hikers. Hikers yogi a place to sleep from cabin owners.

Now, watch me yogi a fourty-minutes ride to a trailhead in the middle of nowhere.

Unter den 1.200 Einwohnern von Quincy gibt es gerade mal neun Fußballfans. Genau genommen nur sechs: Drei Gäste sind nur in der Sportkneipe, um Billard zu spielen. Wir wuchten unsere Rucksäcke in die Ecke und gehen an die Bar. „You`re German?“ fragt ein Typ an der Theke begeistert. Ich nicke, wir machen Small Talk: er hat Freunde in München und ist deswegen natürlich für die deutsche Mannschaft.   Was es mit den Rucksäcken auf sich hat, will er wissen. Ich erkläre es ihm. „Awesome“ sagt er und „Can I come over to your table and watch the game with you?“ „Awesome“ sage ich und denke „Und nach dem Spiel fährst du uns zurück zum trail.“

Anpfiff. „Also erzählt doch mal, ihr lauft wirklich den ganzen Weg von Mexiko nach Kanada zu Fuß?“ „Ganz genau. 2650 Meilen.“ „Oh. My. God.“ 3. Minute. Freistoß für Deutschland.  „Es ist schon sehr anstrengend. Ohne die vielen trail angel hätten wir es  gar nicht so weit geschafft.“ „Trail angel?“  15. Minute: Torchance für Toni Kroos.  „Ja, viele Leute, die entlang des trails wohnen, unterstützen die hiker: bringen Wasservorräte an den trail oder bieten Mitfahrgelegenheiten vom trail zur Stadt und zurück.“  „Ahja.“ Kroos trifft. Den Pfosten. „Und wann werdet ihr in Kanada ankommen?“ „Am 5. Oktober läuft unser Visum aus. Puh, das wird spannend, ob wir es rechtzeitig schaffen.  Wir sind ein bisschen unter Zeitdruck. Ich hoffe nur, dass wir nachher schnell zum trail zurückkommen, damit wir heute wenigsten noch ein paar Meilen weiter kommen.“……. „Wie weit ist denn von hier bis zum trail?“ „20 Meilen.“ „Oh.“ 17. Minute. Kramer geht zu Boden. „Hej, habe ich euch schon erzählt, dass ich ein deutsches Auto fahre? Ich liebe meinen BMW.“ 18. Minute. Kramer steht wieder auf. „Wiiirklich? Welches Model fährst du?“ „Einen SUV. X5.“ „Echt? Mit so einem bin ich noch nie mitgefahren…“ 46. Minute. Deutschland geht torlos in die Pause.

Zweite Halbzeit. „Auf der Fahrt vom trail nach Quincy ist uns kein einziges Auto entgegengekommen – ganz schön einsam habt ihr es hier.“  Die Argentinier sind hellwach.  „Aber wie wollt ihr denn dann zurück zum trail kommen?“ 59. Minute. Lahm setzt sich rechts durch und flankt in die Mitte. Kopfball Klose. „Wisst ihr was? Wenn Deutschland Weltmeister wird, dann fahre ich euch.” „Was? Aber das können wir doch nicht annehmen…“ 79. Minute. Messi setzt sich gegen vier deutsche Spieler durch und schießt aufs Tor. „Na und? Ich habe heute sowieso nichts anderes vor.“ Neuer fängt den Ball. „Wirklich? Oh Mann, tausend dank “ 93. Minute: Die reguläre Spielzeit endet 0:0. „Freu dich nicht zu früh – erst mal müssen eure Jungs gewinnen.“ Verlängerung, 113. Minute: Toooooooor!

Deutschland ist Weltmeister. Unser neuer Freund gratuliert uns überschwänglich. „Also, fahren wir?“ Ich zucke verlegen mit den Schultern. „Weisst du…du musst das nicht machen…“ Angeführt von Bastian Schweinsteiger schreitet die deutsche Mannschaft zur Siegerehrung. „Wir müssen erst noch in den Supermarkt, um Vorräte für die nächste Etappe zu kaufen.“ Er zögert während ich auf die Leinwand schiele. Großes Händeschütteln auf der Tribüne. „Ach was solls. Ich fahre euch zum Supermarkt, ihr kauft in aller Ruhe eure Vorräte, und dann bringe ich euch zum trail.“ Lahm stemmt den WM-Pokal triumphierend in die Höhe. Ohrenbetäubender Jubel bricht los. Ich bin ein Yogi-Master.

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Schrittzaehler. Pacific Crest Trail, Kapitel 22:The world`s scariest animal

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 11. März 2015

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Meile 973: Bea gibt mir einen kräftigen Schlag ins Genick. „Danke“, sage ich. Moskitos. Sie sind überall. Der Schnee schmilzt in den Sierras und mit dem Schmelzwasser kommen die kleinen Quälgeister. Hundertschaften, nein Tausendschaften verfolgen uns seit Tagen auf Schritt und Tritt.

Meile 988: Abenddämmerung ist Moskito-Rush-Hour. Ausgerechnet jetzt muss ich an einem Bach anhalten, um Wasser zu filtern. In Lichtgeschwindigkeit baue ich den Katadyn-Filter zusammen, pumpe hektisch, schlage um mich, pumpe, wedele, pumpe, fuchtel, werfe meinen Rucksack über,  renne davon.

Meile 1000: Jemand hat aus kleinen Steinchen einen Smiley ausgelegt. Ein paar Schritte weiter: eine Kieselstein-„1000“. 1000 Meilen. Ein historischer Moment. Ich klopfe mir selber auf die Schulter. Und erlege dabei einen Moskito.  Ich warte auf Bea – wir brauchen unbedingt einen Selfie mit der Kieselstein-Tausend. Eine schwarze, summende Wolke bewegt sich auf mich zu.  Die wollen ihren toten Bruder rächen.  Zehn Moskitostiche später gebe ich mich geschlagen, krame hektisch meine Kamera aus dem Rucksack, schieße ein Bild von mir und der Tausend und fliehe.

Meile 1002: Ich werde meinen Meile-Tausend-Selfie auf Posterformat vergrößern, in Gold rahmen, tausendmal kopieren und meine Wohnung damit tapezieren. Ach was, warum warten bis in einem halben Jahr? Das Foto geht gleich beim nächsten town-stop per Mail an all die Zweifler, die höhnten, dass wir doch sowieso nach 20 Meilen das Handtuch werfen. Triumphierend krame ich meine Kamera heraus und öffne den Selfie. Da  starrt mir dieses….Wesen!?!!…entgegen. Das Gesicht sonnenverbrannt und dreckig, die Haare wirr. Es hat die Augen vor Schreck weit aufgerissen und den Mund zu einem irren Grinsen verzogen. Auf seiner Stirn sitzt ein Moskito.

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Schrittzaehler. Pacific Crest Trail, Kapitel 21:May I introduce…

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 11. März 2015

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Meile 940: Ein Fluss schlängelt sich träge durch die sattgrüne Aue. Kleine Jungs werfen von einer Holzbrücke ihre Angeln aus, ein älterer Herr watet genüsslich im knöcheltiefen Wasser.  Barbecue-Geruch liegt in der Luft. Car Camper Idylle.

Der Campground „Tuolomne Meadows“ liegt am Rande des Yosemite Nationalpark. Hier parken die Manager aus San Francisco am Wochenende ihr  Wohnmobil. Wir schlagen unsere Zelte am Waldrand auf.  „Lapdog, ….Detour!“  Sprinkles umarmt uns stürmisch. Wir haben uns seit Kennedy Meadows nicht mehr gesehen und freuen uns wie wild.

Später, am Lagerfeuer, tauschen wir den Trail-Klatsch der letzten 240 Meilen aus. Neben uns feiern zwei Großstadtcowboys von der West Coast das Ende ihrer Viertages-Tour mit einer Flasche Tequilla. Sie sind das erste Mal in der Wildnis, halten uns für ein bisschen „crazy“, aber lauschen dann doch gebannt unserer Unterhaltung. „Weisst du wo Luna…“ Der betrunkenere Cowboy lacht auf. „….und Smitty sind?“  „Keine Ahnung. Aber ich hab gehört, Tentmonster ist bei ihnen?“  „Dafür laufen Embassador und Bee-Line…“ Leises Schulmädchenkichern im Hintergrund. „…nicht mehr zusammen…“ „…Und sind Back-Up und Waterfall…“ Eine grunzende, halb verschluckte Lache.   „….an dir vorbeigekommen?“ „Ähh. Nein“. „Was ist mit Arctic und Sunbeam? Lautes Prusten. Er kann nicht mehr. „ Und Vocal? Whisky? Mr President…?“ Hysterisch lachend klopft er sich auf die Schenkel.  „Duuude,“ kreischt er, „was sind denn das für schräge Leute? So heißt doch kein Mensch…“

Auf dem trail schon. Also stellen wir ihm unsere hiker-Freunde vor: Luna wurde gleich am ersten Tag auf dem trail beim pinkeln erwischt. Ihr nacktes, weißes Hinterteil leuchtete wie der Vollmond. Wenig später schlief Sprinkles unter einem Rasensprenger und wurde nass. Noch ein paar Meilen weiter erschreckte Tentmonster in der Abenddämmerung zwei Wanderer, die an seinem Zelt vorbeiliefen, fast zu Tode.  Smitty denkt oft Dinge, die der gleichnamige Typ  aus der Serie „New Girl“ laut ausspricht. Vocal spricht alles, was er denkt laut aus. Double Tap prüft meist zweimal, ob er seine Kopfhörer dabei hat. Cancan hat immer zwei Gaskanister dabei. Arctic lebt im Winter auf einer Forschungsstation am Nordpol. The Animal lebt in Washington, Emu in Australien und Wolf in Dänemark. Butterfly hat momentan kein zuhause und zieht mit Happy Nomad durch die USA. Der hat selbst dann noch gute Laune, als er sich eine Stressfraktur zuzieht. Happy Pants trägt ziemlich bunte Hosen, Hot Pants ziemlich kurze Hosen. Apache trägt einen mit Vogelfedern geschmückten Hut, Mary Poppins  einen rosafarbenen Plastikflamingo. Horrible und Terrible sind furchtbar nett, The Big Dirty ist furchtbar groß und Masshole ist auch ein Riesen…äähm…Kerl. The Machine läuft wie ein Schweizer Uhrwerk, Too Close und Short Step laufen den Rest ihres Lebens zusammen: sie haben sich an der mexikanischen Grenze verlobt und werden an der kanadischen Grenze heiraten. Mr President hat seinen Namen in einer demokratischen Wahl gewonnen. „Still Steve“ sagt Still Steve genervt, als wir ihn fragen, ob er nach 900 Meilen immer noch keinen trail name hat.  „I am just Nick“ beharrt auch Just Nick.

Am Ende des Abends und ihrer Schnapsflasche wollen die beiden Cowboys unbedingt auch einen trail Namen. Wir taufen sie. Als wir „Four Days“ und „Tequilla“ am nächsten Morgen beim Frühstück treffen, sehen sie ein wenig mitgenommen aus.

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Schrittzaehler. Pacific Crest Trail, Kapitel 20:On the upper side of life

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 11. März 2015

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Meile 789: Ich schnappe nach Luft. Wir sind auf dem Weg hinauf zum Glen Pass. Von Independence sind wir in weniger als vierundzwanzig Stunden über 2000 Höhenmeter  aufgestiegen. Nicht nur die dünne Luft macht mir zu schaffen. Mein Fuß schmerzt und mein Rucksack ist viel zu schwer, obwohl Bea den Löwenanteil unseres Proviants trägt. Warum tun wir uns das eigentlich an? Warum quälen wir uns einen steilen Pass nach dem anderen hinauf?

Meile 791, Glen Pass (10499 Fuß):  Weil  wir irgendwann oben ankommen. Oben, auf dieser kleinen Insel Fels mitten im großen Himmel, keine Wände, keine Decke, kein Anfang und kein Ende, bis zum Horizont nur Berge.  Oben, über diesem gewaltigen Felsgeschwader, das sich vor Jahrmillionen aus dem Meer erhob. Nur wir, die einzigen Menschen auf einem unendlich fernen Planet. Weil sich dieses Bild  in unsere Netzhaut gebrannt hat. Wir sind Junkies, die nur absteigen, weil das nächste High — der nächste Pass — schon wartet.

Meile 792: Der Gipfel-Größenwahn verfliegt innerhalb von Minuten, denn der Abstieg ist äußerst knifflig: Wie am Forester Pass ist auch die Nordseite des Glen Pass unter einer tiefen Schneedecke begraben.  Wir folgen den Fußspuren der anderen hiker und arbeiten uns langsam nach unten.

Meile 793:  Es ist so ruhig hier. Während ich  Wasser  filtere, wandern meine Augen in Zeitlupe über die Rae Lakes. Im See  stehen die schneebedeckten Sierra-Gipfel Kopf.  Die Nachmittagssonne zaubert  funkelnde Diamanten auf die spiegelglatte Wasseroberfläche. Später, in ein paar Monaten, oder ein paar Jahren, wird irgendwo in einem Großraumbüro hinter heruntergelassenen Jalousien  ein Telefon pausenlos klingeln und  ein Computer alle zwei Minuten mit einem aufdringlichen“ Plop“  eine weitere Email ankündigen, während mehrere Leute hektisch durcheinanderreden. Ich werde meine Augen schließen und hierher zurückkehren.

Meile 754: Immer wieder durchqueren wir Bäche und kleinere Flussläufe. „Wir  haben soviel Wasser in unseren Schuhen, bis Oregon müssen wir an keiner Wasserstelle mehr Halt machen“,  scherzen wir. Galgenhumor.  Aber man gewöhnt sich an alles,  auch an nasse Füße.  Nur morgens kostet es immer noch Überwindung, in die klammkalten, steifgefrorenen Schuhe zu steigen. Bis Bea die rettende Idee hat: Über die trockenen Socken wickeln wir  morgens kleine Mülltüten, dann erst  ziehen wir die Schuhe darüber.

Meile 803: Es…nimmmt…einfach…kein…Ende. Der Anstieg zum Pinchot Pass ist zwar nicht steil, aber er zieht sich wie Kaugummi. Bis auf 12.142 Fuß geht es diesmal hinauf.  Unseren Proviant haben wir so kalkuliert, dass wir 15 Meilen am Tag laufen müssen. Das einzuhalten fällt mehr als schwer.

Meile 814: Aufstieg Richtung Mather Pass. Die letzten zwei Meilen hangelt sich der trail eine steile Felswand hinauf. Die Südseite ist schneefrei, doch heute Vormittag kamen uns zwei Wanderer mit einem Lagebericht von der Nordseite entgegen: der eigentliche trail  liegt unter einer Schneedecke begraben und ist unpassierbar. Auf der ersten Meile nach dem Pass werden wir uns also in steilem Gelände querfeldein schlagen.  Strategiebesprechung um Fünf Uhr Abends:  sollen wir den Pass heute noch in Angriff nehmen, und einen Abstieg im Dunkeln riskieren? Oder lieber hier oben auf fast 12.000  Fuß bei klirrender Kälte übernachten?  Wir entscheiden uns, den  Pass morgen früh zu queren. Dann  sind die Schneefelder noch nicht von der Sonne aufgeweicht und leichter begehbar.

Während wir unsere Zelte aufstellen, zieht ein Sturm herauf. Meine Zeltplane tanzt im Wind, erst zu zweit schaffen wir es schließlich, sie zu bändigen. Mit großen Steinen beschwere ich die Zeltschnüre. Dann flüchte ich schnell ins Innere, mummele mich in meinen warmen Daunenschlafsack und lausche besorgt dem ohrenbetäubend lauten Flattern des Stoffs.

Ein paar Stunden später wache ich auf. Meine volle Blase treibt mich aus dem Zelt.  Es ist totenstill, kein Lüftchen regt sich. Der Himmel ist sternenbehangen. Schroff gezackte Felswände ragen in einem großen Halbrund empor, wie in einem antiken Amphitheater. Vor der Bergkulisse ruht ein Gletschersee, in dem ein riesiger Mond badet.

Meile 816: Oben. Auf den letzten zwei Meilen zum Mather Pass haben wir noch einmal etliche Höhenmeter zurückgelegt. Das Herz pumpt. Doch der schwierige Teil liegt erst vor uns.

Meile 816, 2: Rubix holt uns ein und lässt sich auf einem Felsen nieder. „Und“, will Rubix wissen, „wie läuft’s so bei euch?“  Seufzend gestehe ich: „Wir sind wohl die langsamsten Sierra-Durchquerer aller Zeiten.“ „Das ist gelogen…“ von oben klettert G-Snake zu uns hinunter. „Das war nämlich Donner.“ Ein hiker namens Donner? Kenn ich nicht. Rubix klärt mich auf: „George Donner führte im 19. Jahrhundert eine Gruppe von Siedlern durch die Sierras. Er wollte einen neuen Weg Richtung Westen finden.  Ging total in die Hose – die Gruppe wurde unterwegs eingeschneit und einer nach dem anderen ist verhungert. Schließlich haben die ihre Leichen gegessen.“  Ich finde, jetzt ist es an der Zeit, weiterzulaufen.

Langsam, sehr langsam arbeiten wir uns den Pass hinunter.  Mit einem übervollen Rucksack ein Geröllfeld hinabzuklettern ist gar nicht so einfach. Die Jungs überholen uns. Weiter unten bleiben sie kurz stehen, beratschlagen. Dann setzt Rubix sich in den Schnee und rutscht das nächste Schneefeld auf dem Hosenboden herunter. Jubelnd saust er los, aber bald geht das Freudengeschrei  in lautes Gejammer und Schmerzenslaute über. Ein spitzer Fels, der aus dem Schnee herausragt, hat unseren Abenteurer wohl an einer empfindlichen Stelle getroffen…

Meile 838: Auf dem  Muir Pass (11.955 Fuß) thront eine kreisrunde, steinerne Schutzhütte. Über der Feuerstelle im Inneren der Hütte gedenkt eine Plakette des Namensgebers des Passes.  John Muir war einer der ersten Amerikaner, die sich für den Naturschutz einsetzten. Im Jahr 1903 begleitete er Theodore Roosevelt auf eine Reise in die Sierras  und überredete den Präsidenten zur Gründung des Yosemite National Park.

„Overnight camping and fires prohibited“ lese ich auf der Plakette und bin verwirrt: wer errichtet denn eine Schutzhütte mit Feuerstelle, in der man weder übernachten noch Feuer machen darf? Egal, guter Dinge machen wir uns an den Abstieg, wohlwissend dass wir nun den letzten der hohen, schneebedeckten Pässe hinter uns haben.  Ab jetzt wird alles ganz einfach….

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Schrittzaehler. Pacific Crest Trail, Kapitel 19:It`s hot as hell in paradise

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 11. März 2015

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Bishop: Kilometerlange Kühlregale voller Eiscreme, Fertigpizza und Tiefkühlgemüse. Überbordende Obstauslagen. Frische Bagels. Kaffee. Mein ganz persönlicher American Dream. Im „Safeway“ in Bishop kaufen wir Vorräte für unsere nächste Etappe ein. Und das reichlich.
Matt ist frischgebackener Hostel-Besitzer. Eigentlich wollte er das „Hostel California“ in Bishop erst in ein paar Wochen eröffnen. Es sollte ein Treffpunkt für Kletterer sein. Doch dann hat er vor ein paar Tagen PCT hiker Zen-Dawg aufgelesen und ihn mit in sein hostel genommen. Zen-Dawg hat das weitererzählt – und jetzt ist das alte viktorianische Holzhaus fest in der Hand von uns hikern. Im Vorgarten haben Backup, Waterfall und Neon ihre Zelte aufgestellt. Mit einer Zahnbürste entfernt Backup liebevoll Sand und Dreck aus dem Reißverschluss ihres Zelts, Neon verarztet undichte Stellen mit Silikonkleber. Auf dem Rasen sonnt sich eine Armada klammer Schlafsäcke und feuchter Luftmatratzen. Ich sitze auf einem Gartenstuhl und versuche, mich so wenig wie möglich zu bewegen. Obwohl mein lädierter Fuß in einem Kübel mit Eiswasser steckt, läuft mir der Schweiß in Strömen herunter. Es ist verdammt heiß hier unten im Paradies.
„Wir legen nur einen zero-day ein, dann geht’s zurück in die Sierras“ sagen wir, als wir ankommen. „Lass uns noch ein bisschen ausruhen, die letzte Etappe war echt anstrengend“ sagen wir am Abend des ersten zero-days. „Welcome to the hostel California, youcancheckoutanytimeyouwant, but you can ne-e-e-ver leave…“ singen wir am Abend des zweiten zero-days.
Und dann schaffen wir doch noch den Absprung, am Nachmittag des dritten Tages. Wir trampen zurück ins 40 Meilen entfernte Independence. Ein älterer Herr hält schließlich an. „Nur wegen der Rucksäcke“ sagt er. „Hier gibt’s nur zwei Sorten Anhalter: die mit Rucksack, das sind die PCT hiker. Die ohne Rucksack, die kommen aus der Strafvollzugsanstalt in Independence.“
In Independence steigen wir um auf die Ladefläche eines alten Trucks. Der Fahrer nimmt uns mit zum trail. Langsam keucht der Metallkoloss die steile Bergstraße zum Pass hinauf. Jedesmal, wenn wir um eine weitere Kurve biegen, scheint die Temperatur ein paar Grad zu sinken. Ich atme auf.

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 18: Deathmarch to Independence

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 24. Juli 2014

IMG_2014072329735Meile 750: Tag drei in den Sierras. Wir haben den Inhalt unserer bear canister vor uns ausgebreitet. Betretenes Schweigen. Noch ganz schön viele Meilen bis Independence für so wenig Proviant. Was tun? Auf den langwierigen Abstieg über  Horseshoe Meadows nach Lone Pine hat keiner von uns Lust – ausserdem sind wir an der Abzweigung schon vorbei. Für drei Tage könnten unsere Vorräte gerade noch so reichen – wir müssen eben rationieren. Fest schauen wir uns an: Wir schaffen das. Waterfall und Back-up gesellen sich zu uns, kurz darauf Beeline,  ein weiteres6 Mädchen kommt gerade von ihrem resupply-stop in Lone Pine zurück. Als wir unsere Situation schildern, schenkt uns Waterfall fünf Snickers und sechs Ibuprofen, Beeline lacht uns aus und das Mädel schüttelt mitleidig den Kopf: “In three days to Independence? You are on a deathmarch…”

Meile 752: Wie um den Wahnwitz unseres Unterfangens zu untermalen, führt der trail uns erst einmal steil bergauf. Von oben schauen wir gebannt zurück auf den kreisrunden Chicken Spring Lake mit den fast senkrechten Felswänden am rechten Seeufer. Ich seufze  wehmütig. Hier campen heute nacht ultra-heavy-hiker und solche, die den Resupply-Abstieg nach Lone Pine auf sich genommen haben. Wir nicht. Wir müssen weiter.

Meile 766: Auf einer Bilderbuch-Lichtung grasen zwei Rehe. Ein kristallklarer Gebirgsbach vervollkommnet die Idylle. Der trail zum Mount Whitney zweigt hier ab, viele hiker gehen bis zum Gipfel nur mit leichtem Tagesgepäck weiter und so finden wir einige verlassene Zelte vor. Wir campen nicht hier. Wir müssen weiter. Mit knurrendem Magen.

Meile 779: Wir befinden uns über der Baumgrenze, inmitten einer  Mondlandschaft von surrealer Schönheit.

Zugegeben, ein bisschen mulmig ist uns schon, angesichts unseres straffen Zeitplans. Doch eigentlich kommen wir ja ganz gut voran. Da wäre nur noch eine winzige, winzige Kleinigkeit, die ich bisher noch nicht erwähnt habe: zwischen uns und dem Grocery Store in Independence erhebt sich der Forester Pass, mit 13.159 Fuss nur unwesentlich niedriger als Mount Whitney und höchster Punkt des Pacific Crest Trails. Ja, achso, und eine unbestimmte Menge Schnee liegt auch noch auf dem Pass.

Meile 777: Ich stehe auf einem Felsbrocken und schreie. Ich muss einfach. Was da vor mir liegt, ist so unbeschreiblich, grossartig, vollkommen und wunderschön.  Markante, mit Schnee garnierte Felswände umgeben mehrere stahlblaue Seen, in die sich  Schmelzwasser ergießt. Der Himmel ist klar und weit.

Mein durchdringendes Gejohle hat einen griechischen Gott aus dem Olymp herbeigelockt.  Mit leichten, kraftvollen Schritten schreitet er auf mich zu. Sein nackter Oberkörper ist muskulös und sonnengebräunt. Er trägt einen winzigen Rucksack und eine RayBan.  Ach nein… doch kein Gott. Nur Neon, der sich für einen Gott hält. Ich steige von meinem Felsen herunter und schlage in die Gettofaust ein, die er mir hinhält. Gemeinsam versuchen wir,  an den steilen Felswänden den trail zum Forester Pass auszumachen. “Kann nur nach links abgehen. Die Wand direkt vor uns ist viel zu steil. Unmöglich,  da hochzukommen,” sage ich. Neon stimmt zu, dann schwebt er weiter.

Meile 778: Guess what? Es ist die Felswand direkt vor uns. In steilen Serpentinen schleppt sich der trail hinauf zum Forester Pass, unten versperren  vereinzelte Schneefelder den Weg,  Fusspuren weisen den Weg nach oben.

Meile 779: Und dann sind wir ganz schnell ganz oben, schauen weit in die Ferne auf schneebedeckte Gipfel. Zu viele sind es, um sie zu zählen. Ist das die dünne Luft, oder warum packt uns dieses Gefühl von Euphorie? Ich schaue zurück auf den trail, den wir hochgestiegen sind. Unmöglich? Nichts scheint unmöglich.

Meile 780: Ich sitze in der Klemme. Mein Bein steckt bis zur Hüfte im Schnee fest, mit jeder Bewegung verkante ich mich mehr. Die Nordseite des Forester Passes ist unter einer tiefen Schneedecke begraben. Die Nachmittagssonne hat den Schnee aufgeweicht und unser Abstieg wird zur Kraftprobe. Eine andere Wanderin nähert sich von oben und hilft mir aus der Falle. Vorsichtig taste ich mich weiter über das Schneefeld nach unten.

Meile 788: Es ist schon dunkel, als wir die Abzweigung zum Kearsarge Pass erreichen. Direkt neben dem trail lassen wir uns erschöpft sinken und übernachten unter freiem Himmel. Die restlichen sieben Meilen über den Pass bis hinunter zum Onion Valley Trailhead und der Strasse nach Independence wollen wir morgen vormittag angehen. Unsere bear canister sind bis auf je zwei Müsliriegel leer.

Früh am nächsten Morgen werden wir von einem alten Bekannten geweckt: Clint ist wie wir auch auf dem Weg ins Tal. Das letzte Mal haben wir ihn in Kennedy Meadows getroffen. Er findet, dass wir ziemlich erbärmlich aussehen, wie wir da in unseren Schlafsäcken am trail kauern, und als er hört, dass uns das Essen ausgegangen ist, wirft er uns zwei Müsliriegel zu. Mein rechter Fuss tut höllisch weh, also frage ihn nach Ibuprofen. Klar, sagt er, und zieht schwungvoll eine  XL-Ziplocktüte mit Medikamenten aus seinem Rucksack. Zu schwungvoll. Es regnet bunte Pillen auf den Trail. Clint geht auf die Knie und stopft sich beim Aufsammeln nebenbei ein paar Ibus in den Mund. “Oh,” frage ich besorgt, “hast du dich auch verletzt?” “Nö,mir fehlt nix.” Er zuckt mit den Achseln.  ”Dachte nur,  jetzt wo die Dinger schon mal draußen sind, nehm ich halt auch welche.”

Meile 793: Auf dem Pass geht es zu wie auf der Autobahn. Unsere Stimmung ist ausgelassen, wir kommen unglaublich langsam voran. Ständig kommen uns alte Bekannte entgegen, die nach dem Resupply-Stop wieder in die Sierras aufsteigen. Großes Hallo, Händeschütteln,  Umarmungen. “Independence ist stinklangweilig. Seht zu, dass ihr irgendwie weiter nach Bishop kommt. Da hat so ein Typ ein  neues hostel für hiker aufgemacht – das ist wie im Paradies dort,” rät Zendawg.

Also gehen wir nach Bishop…

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 17: Ultra-heavy

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 24. Juli 2014

IMG_2014072316356Meile 703: Gegen Abend verlassen wir Kennedy Meadows, beide ein wenig nervös, gespannt darauf, was uns erwartet. Und das ist unsere Strategie: Von Kennedy Meadows bis Independence, unserem nächsten Resupply-Stop, sind es circa 90 Meilen. Wir pfeifen auf Mount Whitney, gehen den PCT direkt durch bis zum Kearsarge Pass und steigen von dort ab nach Independence. Wir haben Proviant für fünf Tage kalkuliert. Sollten  wir langsamer vorankommen als erwartet, müssen wir nach 45 Meilen über Horseshoe Meadows absteigen nach Lone Pine -das würde allerdings einen Umweg von mindestens zwei Tagen bedeuten. Wir haben keine Steigeisen und keinen Pickel dabei  - weder Bea noch ich haben je einen Pickel benutzt, wir finden, die Gefahr, dass wir uns das Ding aus Versehen ins Bein rammen, ist zu gross.

Meile 708: Wir laufen bis es dunkel ist und cowboy-campen direkt eben dem trail.

Meile 716: Am South Fork Kern River füllen wir unsere Wasservorräte für den Tag auf. Wir hängen unsere Füsse ins Wasser und lassen uns ein paar Snacks schmecken. Was für eine Wohltat nach all den armseligen, halbvertrockneten Rinnsaalen in der Wüste. Auch die Landschaft um uns herum hat sich verändert, ist grüner geworden.

Meile 730: Bei Einbruch der Dunkelheit kommen wir am Death Canyon Creek an. Wir befinden uns inzwischen auf einer Höhe von 8300 Fuss. Mit einigen anderen hikern zelten wir auf einer großen sandigen Ebene, die von Felsbrocken übersät ist. 22 Meilen – nicht schlecht für den ersten Tag. Jetzt erst mal was essen.

Meile 731: Es geht steil bergan, wir nähern uns der 10.000 Fuss Marke. Ich schnaufe. Tentmonster sitzt am Wegrand. “Muss langsam tun”, sagt er. “Hatte schon einmal Höhenkrankheit – war nicht schön.” Ruthy zieht vorbei, bleibt kurz stehen – ihm ist in bisschen schwindelig. Ich fühle mich, als ob ich durch eine Schüssel klebrigen Hefeteig stapfe, mit jedem Schritt fällt es schwerer die Beine zu heben, alle zehn Meter bleibe ich stehen. Auch Bea kommt nicht schneller voran. Ich bin frustriert – zwar kenne ich das Gefühl, wenn einem hoch oben in den Bergen die Puste ausgeht, aber doch nicht schon bei 3000 Metern? Naja, erst mal was essen.

Meile 735: Oben. Ich schaue auf die Uhr: kurz vor eins. Wir haben gerade vier Meilen in vier Stunden zurückgelegt. Und ich bin fix und fertig und unglaublich hungrig. Tentmonster winkt uns zu einer Felskante. Jetzt raubt mir  die Aussicht den Atem: hinter wild gezackten Felsformationen liegt weit, weit unten  die Wüste, golden und aus der Ferne betrachtet flach wie ein Pfannkuchen.

Meile 741: Es ist fünf Uhr. An der Abzweigung zum Diaz Creek lassen wir uns erschöpft fallen. Beeline und Embassador sitzen vor ihren Zelten. Wie die beiden es überhaupt bis hierher geschafft haben, ist für mich völlig unbegreiflich:  in Kennedy Meadows hat Embassador mir seinen Rucksack aufgesetzt und geprahlt: “F… all that ultra-light-backpacking talk. I am an ultra-heavy-master”. Drei Schritte habe ich geschafft, bevor ich unter der zentnerschweren Last zusammengeklappt bin. Was bitte hat er da nur reingepackt?

Wir beratschlagen: Abendessen kochen, Wasser holen und dann weiterlaufen? “Wo ist das Problem? Bleibt doch hier. Ist ja nicht so, dass euch einer feuert, wenn ihr mal keine zwanzig Meilen am Tag lauft…” rät Embassador. Stimmt eigentlich. Schön hier am Diaz Creek.

Wir kochen Wasser und schmeissen eine Tüte Ramen hinein. Embassador schaut uns mitleidig an. “DAS ist euer Abendessen?” Er schleppt seinen bear canister und seinen Kocher zu uns herüber. Und dann tritt der Johann Lafer unter den through-hikern in Aktion: schwungvoll kippt er einen dickflüssigen Tomatensud in seinen Kochtopf, köchelt ihn behutsam auf kleiner Flamme, rührt eine Packung Instant-Kartoffelpuree und eine Dose Kidneybohnen unter und fügt reichlich Salz, Pfeffer und Chilli zu. Als nächstes angelt er eine 30cm lange Salami aus seinem bear canister, die er in einer gusseisernen Pfanne mit Olivenöl anbrät und unter das Chilli mischt. Der Meister kostet seine Kreation und runzelt die Augenbrauen “Fehlt noch was”, murmelt er gedankenverloren und wühlt wieder in seinem bear canister. Zum Vorschein kommt eine Flasche Tabascosauce, die er fast zur Hälfte in den Topf leert. Er kostet erneut. Kurz seufzt er zufrieden auf, dann löffelt er das “râgout-du sac-très-très-lourd” hingebungsvoll direkt aus dem Topf.

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 16: Of burgers and bear canisters

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 24. Juli 2014

IMG_2014072339577Meile 702:. Gerade mal 200 Einwohner zählt das verschlafene Kennedy Meadows am südlichen Rande der Sierras. Die örtliche Infrastruktur besteht aus einer Strasse, einem Tante-Emma-Laden mit angegliederter Imbissbude und einer Bar. Handyempfang gibt es nicht, ebensowenig wie öffentlichen Nahverkehr. 11 Monate im Jahr liegt hier der Hund begraben. Von Mitte Mai bis Mitte Juni allerdings, wenn die PCT-Hiker auf ihrem Weg in die Sierras hier ihren letzten Resupply-Stop einlegen, erinnert Kennedy Meadows an eine Miniaturausgabe von Woodstock: kreuz und quer tummeln sich Ultralight-Zelte, Tarpents und Isomatten auf dem  Rasen hinter dem General Store, die Terasse ist bevölkert von bärtigen Männern in abgewetzter Kleidung und Frauen mit Achselhaaren, hier und da Gitarrenklänge, die Luft geschwängert von Bier, dem Duft nach Grillfleisch und überlaufenden Dixie-Klos.

Wir gönnen uns einen “zero-day”, eine Auszeit, feiern, dass wir es bis hierher geschafft haben und sammeln Kraft für das was vor uns liegt: Die High Sierras, für uns unbekanntes Neuland mit ganz neuen Herausforderungen: tagelang abgeschnitten von jeder Zivilisation, Essensvorräte für bis zu sieben Tage über schneebedeckte, bis zu 13.000 Fuss hohe  Pässe schleppen und durch temperamentvolle Gebirgsflüsse  balancieren, klirrend kalte Nächte und haufenweise Moskitos.

Brauchen wir einen Eispickel?  Steigeisen? Wieviel Schnee liegt im “low snow year” 2014 Anfang Juni tatsächlich noch auf den Pässen? Und wie werden wir mit der Höhe klarkommen? Wieviele Meilen pro Tag schaffen wir in diesem unbekannten Terrain und wieviel Essen müssen wir einplanen? Und dann ist da noch die Frage “to Whitney or not to Whitney”? Mount Whitney ist mit 4421 Metern der höchste Berg der USA ausserhalb Alaskas. Für alle amerikanischen PCT hiker ist der eintägige side trip zum Whitney eine Frage der Ehre. Für uns ist Whitney… ein Berg.

Zwischen Burgern und Bier wird viel spekuliert, und wenn vier hiker zusammensitzen gibt es zu jeder Frage mindestens fünf Meinungen. Nur in einem scheinen wir uns alle einig zu sein: wir hassen unseren bear canister jetzt schon leidenschaftlich, ohne ihn auch nur einen Meter getragen zu haben.  Die Nationalparkvorschriften besagen: Wer in den High Sierras und im Yosemite Nationalpark wandert, muss sämtliche Essensvorräte in einem klobigen Fass mit bärensicherem Verschluss verstauen. Die  Sierra-Bären, sagt man, bilden so etwas wie die intellektuelle Elite ihrer Art und haben Wegelagerung und Mundraub zu einer echten Kunstform erhoben. Also beugen wir uns zähneknirschend. Wenn es Nachmittag wird in Kennedy Meadows sieht man überall auf dem Boden hiker sitzen, die verzweifelt versuchen, grosse Mengen an Nahrungsmitteln in einen plötzlich viel zu kleinen bear canister zu stopfen. Hierbei ist Kreativität gefragt:  Erdnussbutter in Ziplock-Tüten umfüllen? Warum nicht…

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