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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 15: It’s magic

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 24. Juli 2014

Meile 651: Am Walker Pass Campground begrüsst uns ein zwanzigköpfiges Empfangskommittee mit tosendem Applaus und Jubelrufen. Die Begeisterung ist berechtigt – es ist grade mal 11 Uhr morgens und wir sind schon vierzehn Meilen gelaufen. Aber wer sind diese Menschen und woher wissen die das? Unsere Verwirrung steigt ins Unermessliche, als ein kleiner rothaariger Junge auf uns zustürmt und uns wortlos ein eiskaltes Soda, eine lilaschimmernde Perlenkette und einen grünen Button mit seinem Portrait darauf in die Hand drückt. Dann rennt er wieder davon. “Bearbait gave me a cold drink at Walker Pass” lese ich auf dem Button. Beim Näherkommen entdecken wir unter einem mit Lampions behängten Pavillon bekannte Trail-Gesichter: Sprinkles sitzt dort mit Hilary und Angelina. Mary Poppins kaut hingebungsvoll auf einem Käsetoast. Cupertone trägt wieder einmal nur einen Lendenschurz und Ruthy und Clint albern ausgelassen herum. “You made it!” ruft Nick. Campingstühle werden herangerueckt und bevor wir richtig sitzen haben wir schon ein Eis am Stiel im Mund. Eine ältere Dame fragt, ob wir unseren gegrillten Toast mit oder ohne Zwiebeln möchten. “Mary Poppins”, raune ich meinen Nebensitzer zu, “What is this place? Who are these people?” Er deutet begeistert in Richtung Grill “Yogi and her friends are doing trail magic for PCT hikers…” “Yoooogi?” frage ich ehrfürchtig. “Yogi’s PCT Handbook” ist Pflichtlektüre jedes through-hikers und die Autorin in der Community  eine Berühmtheit. Jedes Jahr so erfahren wir, zelten Yogi und ihre Freunde eine Woche lang am Walker Pass und verwöhnen in ihrem Pavillon hitzegeschundene hiker mit allerlei Köstlichem. Wann genau die trail magic stattfindet, ist jedoch streng geheim. Den Rest des Tages bleiben wir in den Campingstühlen kleben, essen jede Menge Süsskram, lauschen Yogis Trailweisheiten, klatschen begeistert Beifall für jeden hiker, der den Campground betritt und freuen uns diebisch über die verwirrten Gesichter der Neuankömmlinge…

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 14: Dry

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 22. Juni 2014

IMG_2014062235561Meile 600: Es reicht. Seit Tagen raunen es sich die PCT-Hiker zu: “Wir haben genug von der Wüste. Die Sonne. Der Wind. Der Sand. Der Durst.” Das Surren eines der unzähligen Windräder, die sich ohne Unterlass  im Wüstenwind um Tehachapi und Mojave  drehen, unterbricht kurzeitig ihren Gedankengang. Dann ein sehnsuchtsvoller Seufzer und ein verklärter Gesichtsausdruck: “Warte nur, bis wir in den High Sierras sind. Die Berge. Die Wälder. Die Seen. Die Flüsse.” Noch ein Seufzer: “Oh man, ich kanns gar nicht erwarten.” Bei über 30 Grad im Schatten kreisen die Gespräche immer öfter um schneebedeckte Pässe,  lange Unterwäsche, Eispickel und Steigeisen. Nur  noch  hundert Meilen, bevor wir von Kennedy Meadows aus das Tor zu den Sierras durchschreiten. Hundert Meilen. Weniger als eine Woche.

Meile 605: Und dann das: “Habt ihr den aktuellen water report gelesen? Der Wasservorrat am Bird Spring Pass bei Meile 630 ist leer. Zwischen Willow Spring und Walker Pass gibt es also keine verlässliche Wasserquelle.” Ich schlucke. Das sind dreissig Meilen ohne Wasser. Einundhalb Tage. Bei glühender Hitze. Wir müssen mindestens sechs Liter Wasser pro Person tragen. Allein bei dem Gedanke bekomme ich Knieschmerzen.

Meile 615: Ein Jeep parkt an der holprigen Kelso Valley Road die mitten durch  die Mojavewüste führt. Von weitem sehen wir schon, wie ein Mann und eine Frau literweise Wasserkanister ausladen. Trail Angel. Sie haben eine riesige Kühltruhe mit frischem Obst und kalten Getränken dabei.  Noch viel erfrischender als der Geschmack eisgekühlter Weintrauben aber sind die Neuigkeiten, die die Frau hat: “Wir kommen gerade vom Bird Spring Pass und haben dort 120 Gallonen Wasser deponiert.” Ich würde ihr am liebsten um den Hals fallen vor Dankbarkeit. Den Rest des Tages vollführe ich immer wieder kleine Freudentänze auf dem Trail.

Meile 633: Sonderbar stachelige Joshuatrees, die nur in diesem Teil Südkaliforniens wachsen, säumen den trail zu Hauf. Die Wüste wellt sich gold und rot schimmernd bis zum Horizont. Wir, zwei kleine, bedeutungslose Punkte im Sand, verlieren uns in der unendlichen, menschenleeren Weite. Was für ein Showdown.

Meile 645: Unvermittelt tauchen sie hinter einer Wegbiegung auf: majestätisch thronen die schneebedeckten Berggipfel der High Sierras in der Ferne. Ich bkeibe stehen und genieße einen Moment des stillen Triumphs. Wir haben die Wüste bezwungen.

Meile 646: Sssss…Erschrocken springe ich zurück. Nur wenige Meter vor mir auf dem trail richtet sich eine  Klapperschlange auf und faucht mich drohend an. Angespannt warte ich, bis das riesige Tier in die Büsche verschwindet, dann tapse ich auf Zehenspitzen vorbei. Aus dem Unterholz zischelt die Schlange mir spöttisch hinterher: “Auch wenn ihr jetzt sechs Wochen durch die Wüste gestolpert seit und euch deswegen  wie Superhelden fühlt – hier  habe nach wie vor  ICH das Sagen.”

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 13: Rich and famous

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 22. Juni 2014

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Meile 432: Verdammte Switchbacks. Seit Stunden schlängelt sich der Trail mal wieder in endlosen Serpentinen (”Switchbacks”) durch die Wüste: rauf auf den Hügel, runter vom Hügel, rauf auf den Hügel, runter vom Hügel, rauf auf den… mir ist schon ganz schwindlig. Es ist heiss und meine Füsse schwellen immer mehr an. Demnächst platzen meine Schuhe aus den Nähten.

Meile 435: Rauf auf den Hügel, runter vom Hügel, rauf auf den Hügel…

Meile 443: Runter vom Hügel! Geschafft. Bea steht schon unten am Parkplatz vor einem altertümlichen Wohnmobil. Hier passiert gerade “Trail magic”: PCT-Veteran Coppertone  verteilt Eiscreme an müde Wanderer, wenn er nicht gerade unbekleidet durch die Wüste joggt. Ich setze mich dazu und kicke meine Schuhe weg. Oh. Gehören diese unförmigen, aufgequollenen, rot leuchtenden Hobbitfüsse tatsächlich zu mir? Egal, nach einem Eisbecher a la Coppertone gibt sich das sicher wieder.

Oder auch nicht. Einmal aus ihrem Elend befreit wollen meine geschundenen Füße partout nicht mehr in die Schuhe zurück. In Flipflops humpele ich hinüber auf die andere Strassenseite zum KOA-Campground.

Meile 444: Ray sitzt auf der Terasse vor dem KOA-Imbiss und genehmigt sich nicht erst das erste und noch lange nicht das letzte Budweiser des Abends. Ausführlich erklärt er uns, dass er, obwohl er heute mit sechzig “vorübergehend” in einem Wohnmobil auf dem Campingplatz lebt, früher mal eine große Nummer im Rockbusiness war, als Gitarrist mit Janis Joplin und Jimi Hendrix unterwegs war und sich vor Groupies kaum retten konnte. Am Ende seufzt er und sagt wehmüig: “Well, thats my story – from rich and famous to trailer trash…” Ein Budweiser später erfahren wir, dass er einen Chagall und ein Grundstück in der Toskana besitzt und demnächst nach Europa aufbrechen wird, um mit einer “hot italian chick with big boobs” seinen Lebensabend zu verbringen. Vorher will er uns aber noch zu einem Outdoorgeschäft im “Valley”, dem Umland von Los Angeles, fahren. Ich brauche nämlich eindeutig neue Schuhe…

Weil es so warm ist, haben wir im Freien geschlafen. Ich schlage die Augen auf und Ray steht vor mir. “Hast du den Löwen heute nacht brüllen gehört?” Ich nicke verschlafen. “Das sind die Tiere von Tipi. Du kennst doch Tipi, Tipi Hedren? Die aus den Hitchcock-Filmen? Sie betreibt ein Asyl für wilde Tiere hier ganz in der Nähe. Michael Jacksons Tiger hat sie auch aufgenommen. Tolle Frau. Aber zu alt für mich. Wann fahren wir ins Valley?”

Der Weg ins Valley führt über einen staubigen Highway. Vor einem unscheinbaren Tunnel verlangsamt der rasende Ray seine Fahrt. “Erinnert ihr euch an den Film “Zurück in die Zukunft”? Die Szene, in der der Professor und Michael Fox mit dem Delorean in die Zukunft fahren? Das ist der Tunnel, in dem sie das gedreht haben.” Wir machen eifrig Fotos.

Bewaffnet mit neuen  knallpinknen Trailrunner-Schuhen wollen wir uns eigentlich im Morgengrauen Richtung Aqua Dulce aufmachen, um der unbarmherzigen Hitze zu entkommen. Doch der KOA-Imbiss macht erst um acht Uhr auf. Wäre doch traurig, ohne Pancakes aufzubrechen…Beim Frühstück erzählt mir die junge Kellnerin, dass sie  als Siebenjährige eine CD mit Kinderliedern aufgenommen hat, die es in England ziemlich weit nach oben in die Hitparade geschafft hat. Zum Abschied mache ich ein Foto von ihr. Ray ruft, seinen Kaffee schlürfend, zu der Kellnerin herüber: “Oh, junge Dame, das Foto landet sicher auf Lenas Blog und dann wirst du wohl berühmt in Europa…” Abgebrüht lächelt sie und winkt ab: “Das war ich doch schon längst, Ray, das war ich schon…”

Meile 452: In der brütenden Mittagshitze laufen wir an “Vasquez Rocks” vorbei: riesige, fantastisch geformte Felsformationen türmen sich vor uns auf. Übrigens….erinnert sich jemand an die Szene aus Star Wars, in der die zwei Druiden entführt werden? Die wurde hier gedreht.

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 12: Nightmare on PCt

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 22. Juni 2014

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Meile 418: Los Angeles Forest. Scheinbar wurden wir adoptiert. Vorgestern trafen wir Trailrunner Ken und seine Freunde aus dem nahe gelegenen Lancaster. Ken ist extrem kommunikativ und sehr um unsere Ernährung besorgt. An einer Rangerstation  kreuzt der Trail heute den Highway. Hier wartet Ken mit Cheese-Bagels, Gatorade und guten Ratschlägen auf uns: Die folgenden 5 Meilen des Trails sind dicht von poodledog-bush überwuchert. Das giftige Unkraut wuchert überall dort, wo einmal ein Waldbrand gewütet hat und löst einen juckenden Hautausschlag aus. Ken erklärt uns, wie wir die Gefahren-Zone umgehen.  ”In zwei Meilen kreuzt der Trail eine Landstrasse. Folgt der Strasse fünf Meilen. Kurz nach der Jugendvollzugsanstalt Mount Gleason Camp trefft ihr dann wieder auf den Trail. Am besten ihr übernachtet am Mount Gleason Camp, es liegt mitten im Wald und dort gibt es jede Menge gute Zeltplätze.” Äääh…campen mit verurteilten Drogendealern und pubertierenden Schlägern…hat der sie noch alle…?

Meile 422: Seit über einer Stunde folgen wir der baufälligen Landstrasse, ohne dass auch nur ein einziges Auto an uns vorbeifährt. Einsame Bergkuppen erstrecken sich bis zum Horizont. Golden schimmert das Hügelmeer in der Spätnachmittagssonne.

Meile 423: Hunderte verkohlter Skelette ragen in den rosafarbenen Abendhimmel. Immer tiefer führt die Strasse uns in den toten Wald, endlos, gleich einer Geister-Armee, reihen sich die verbrannten Bäume auf. Wir stören ihre Mahnwache. Ein Knistern. Ein Knacken. Im Nacken die glühende Hitze gieriger Flammen. Ich versuche das Unbehagen abzuschütteln: Das Feuer ist schliesslich bereits vor Jahren erloschen.

Meile 424: Zwei steinerne Kreuze auf einer Anhöhe, eine Tafel mit Zeitungsausschnitten vom Sommer 2009. Die Blumen am Mahnmal sind frisch. Über 650 Quadratkilometer Land sind dem “Station Fire”, einem der verheerendsten Waldbrände Kaliforniens zum Opfer gefallen. Zwei Feuerwehrmänner ließen in den Flammen ihr Leben. Die Schatten werden länger, der Tag neigt sich langsam seinem Ende.

Meile 425: Dämmerung. Vollmond. Mitten im Niemandsland passieren wir das Eingangstor von Camp Mount Gleason. In der verkohlten Ruine des Pförtnerhauses steht ein rußgefärbter Schreibtischstuhl. Wartet auf einen Torwächter, der nie mehr zurückkehren wird. Die meisten Zellenblocks sind bis auf die Grundmauern niedergebrannt und dicht von poodledog-bush überwuchert. In einigen Gebäuden wurden verrusste Möbel zurückgelassen: Betten, Schränke. Die rostige Türe eines Aktenschranks quitscht leise im Wind. Ein Basketball-Korb hat das Feuer unbeschadet überstanden. Etwas raschelt in den Ruinen. Wir gehen schneller.

Meile 425: Endlich am Ausgang des Camps. Ein paar hundert Meter vor uns tanzt ein Lichtpunkt in der einbrechenden Dunkelheit. Eine Stirnlampe. Nein – zwei. Drei. Der Trail.

Meile 426: Wir campen zu fünft am Rand der verlassenen Strasse und blicken bis weit ins Tal. Zu unseren Füßen leuchten die Lichter von Los Angeles.  Hollywood kann einpacken. Die perfekte Horrorfilm-Kulisse liegt hier oben  im Los Angeles Forest.

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 11: Hiker hunger

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 23. Mai 2014

Meile 330: Wir treffen Ryan und Karrie wieder. “Ich habe gehört,  ihr seit nass geworden…?” begrüßt Ryan uns. Wenn ich auf dem PCT so schnell vorankommen würde, wie trail-rumours, wäre ich schon Anfang Juni in Kanada….

Meile 331: Im Gänsemarsch steigen wir einen Hügel hinauf. In 12 Meilen erreichen wir den Cajon Pass. Der PCT führt dort wenig reizvoll direkt unter dem vierspurigen Highway 138 durch. Trotzdem drehen sich 90 Prozent aller Trail-Gespräche der letzten 48 Stunden sehnsuchtsvoll um diesen Pass,  PCT Hiker eilen schnellen Schrittes an uns vorbei, “see you at cajon pass”, rufen sie mit leuchtenden Augen, als ob bei Meile 342 das Ende des Regenbogens und eine Schüssel voll Gold warten würden.  

Die Wahrheit ist viel besser. Es ist keine goldene Schüssel. Sondern ein grosses, geschwungenes goldfarbenes “M”. Nach fast 80 Trail-Meilen ohne Einkaufsmöglichkeit endlich wieder essen soviel man möchte. Wir verbrennen täglich mehrere tausend Kalorien, ich habe ständig Hunger und unglücklicherweise haben wir heute morgen unsere letzten Lebensmitel aufgebraucht.  Also kreisen auch meine Gedanken seit Stunden fast unablässig um Burger, Pommes und Eiscreme.

Das Gute: ohne Essen ist mein Rucksack angenehm leicht, so dass ich eine Weile sogar mit dem langbeinigen Ryan Schritt halten kann. Aber dessen Gesellschaft entpuppt sich bald als die grösste vorstellbare  Folter. “Hej Karrie, weisst du noch, dieses mexikanische Restaurant, in dem wir im April waren? Diese Enchilladas…” “Karrie, kannst du dich an diese kleine Bäckerei in Orgeon erinnern? Mit den leckeren Zimtbageln?” “Sag mal Lena, was gibt es eigentlich in Deutschland für Gebäck?” Ich frage ihn, ob wir uns über Politik unterhalten können. Dazu hat er keine Lust. Aber er hat sich einen McDonalds-Rapsong ausgedacht, den könne er mir gerne mal vorsingen: “Hurry up quick and move those feet. We’re going to McDonalds to get us a treat.” Bea macht Beatbox-Geräusche. Ich lasse mich unaufällig zurückfallen.

Meile 342: Das ist unser zweiter McDonalds-Besuch in 24 Stunden. Gestern nachmittag haben wir je ein großes Menü und einen McSundae Eisbecher verschlungen, danach haben wir im Tankstellen-Shop Chips und Schokolade geholt und uns damit  im Best Western Hotel ein paar hundert Yards weiter verschanzt. Zum Frühstück heute morgen habe ich zwei Bagel, vier Waffeln und einen Kuchen gegessen. Eigentlich bin ich satt, aber der Weg zurück zum trail führt sowieso am McDonalds vorbei, und da wäre es doch schade, die Gelegenheit verstreichen zu lassen. Es ist Mittagszeit und der Laden ist voll. Auf der einen Seite sitzen seriös gekleidete, saubere Raststättenbesucher mit ihrer kleinen Portion Pommes und ihrem Burger. Auf der anderen Seite konzentriert sich ein Haufen dreckiger, verschwitzter Gestalten, die gierig ihr drittes Happy Meal hinunterschlingen und dann für Nachschlag anstehen. Früher oder später erwischt es jeden von uns: Welcome to the world of hiker hunger.

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 10: It never rains in Southern California

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 22. Mai 2014

Meile 307: Nach der Spa-Einlage ziehen wir spätnachmittags weiter. “Heute nacht soll es regnen,” warnt uns eine entgegenkommende PCT-Wanderin. Von den Hot Springs aus führt der trail als schmaler Pfad die letzten Ausläufer der San Bernardino Berge hinunter in die Mojave Wüste, Zeltplätze, weiss die Wanderin, gäbe es nordwärts frühestens in 10 Meilen. Ausser drei Meilen flussaufwärts, unter einer Fussgängerbrücke. “Versucht es dort”, rät sie, ” Da gibt es ein paar flache Stellen.” Wir eilen los.

Meile 310: Wir finden die kleine Sandbucht, schlagen unsere Zelte am Flussufer auf, kochen ein paar Instantnudeln und gehen vor Einbruch der Dunkelheit zu Bett. Soll der Regen doch  kommen.

Gegen neun wache ich auf. Der Wind rüttelt heftig an meinem Zelt und versetzt die dünne Plane in geräuschvolle Schwingungen, die weit oberhalb der Lärmschutzgrenze liegen.

Elf Uhr. Die letzte kräftige Böe muss einen der Heringe aus dem weichen Sandboden gerissen haben. Dort wo mein Kopf ist, hängt die Zeltplane jetzt so weit hinunter, dass sie meine Nasenspitze berührt.

Halb zwölf. Der zweite Hering verabschiedet sich. Ein Stück Zeltplane senkt sich auf meine Fussspitzen. Die Apsis schwankt besorgniserregend. Fluchend krieche ich aus dem Zelt, um den Schaden zu beheben. Im matten Licht meiner Stirnlampe taste ich nach den fehlenden Heringen.

Ein Uhr dreissig. Der Wind heult. Ich liege unter meinem eingestürzten Ultralight-Zelt begraben und denke über die Bibel nach, Matthäus 7, Vers 24-27: “Nur ein törichter Mann baut sein Haus auf Sand.” Seufzend kämpfe ich mich aus dem flatternden Haufen Zeltplane, sammele die kreuz und quer im Sand verstreuten Heringe ein und packe zusammen. Den Rest der Nacht schlafe ich unter freiem Himmel und warte auf den Regenschauer. Doch wenigstens  der bleibt aus.

Meile 322: Bea, Sockpod und ich sitzen am Trail und kochen Mittagessen. Eine dicke schwarze Wolke türmt sich bedrohlich über uns auf, bald fallen die ersten Tropfen. Hektisch kramen wir nach unseren Regensachen – da wir in der Wüste sind, hat bisher auch keiner ernsthaft an Regen geglaubt, und wir alle haben unsere Capes und Rucksackhüllen tief unten im Rucksack verstaut. Die Suche nach der Schutzausrüstung dauert länger als der Regenschauer – nach fünf Minuten ist alles wieder vorbei.

Meile 324: Nachmittags führt der trail uns am Ufer eines grossen Stausees entlang. Dicht bewachsene Steilufer und kleine, beschauliche Sandbuchten wechseln sich ab. Lake Silverwood weckt Erinnerungen an Irland. Wie auf der grünen Insel ist es auch hier heute zu kalt zum baden.

Meile 328: Eine komfortablere, und doch gleichzeitig völlig kostenfreie Übernachtungsmöglichkeit als die weitläufige “Cleghorn Picnic Area” kann man sich nicht wünschen: Einsam und menschenleer liegt der Platz direkt am See. Es gibt Toiletten, fliessend Wasser, einen Mülleimer und Tische und

Bänke. Und: es ist absolut windstill. Ich bin begeistert. “Schau dir diesen riesigen Rasen an, Bea – wenn das mal nicht DER ideale Zeltplatz ist.” Mitten auf dem satten Grün schlagen wir unsere Zelte auf. Hier fliegt kein Hering weg, soviel steht fest. Zufrieden mümmele ich mich in meinen Schlafsack und döse ein.

Elf Uhr dreissig. Erschrocken fahre ich hoch. Es regnet aus Kübeln. Obwohl -irgendetwas stimmt da nicht. Es klingt, als ob jemand eimerweise Wasser auf meinem Zelt auskippt und  gleichzeitig einen vollaufgedrehten Gartenschlauch direkt an die Zeltwand hält.  Dreissig Sekunden lang ist es still, dann geht der Terror von vorne los. Schlagartig wird mir klar, in welcher  Misere wir stecken. Ich lache hysterisch auf. Sattes Grün? In Südkalifornien? Wir campen direkt unter einem blöden Rasensprenkler. Tagsüber entdeckt man die ins Gras eingelassenen Düsen nur, wenn man genau hinsieht, erst des nachts wachsen die Regenmacher aus dem Boden und nehmen ihre Arbeit computergesteuert auf. Hektisch packe ich meine Sachen zusammen und bereite mich auf die Evakuation vor. Wusch. Der nächste Schwall. Läuft so ein Ding eigentlich die ganze Nacht durch? Trozig lege ich mich wieder hin. Bis jetzt hält mein Zelt dem Platzregen stand, hier drinnen ist alles trocken. Und so lange sich daran nichts ändert, werde ich hier ausharren.  

Tageslicht. Sechs Uhr. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Was für ein Glück, hier drinnen ist alles trocken geblieben. Von aussen allerdings ist das Zelt klitschnass. Beas Lage ist ähnlich. So können wir die Planen unmöglich einpacken. Uns bleibt nichts übrig, ausser zu warten, bis die Sonne unsere Zelte trocknet.

Gegen zehn Uhr kommen Packabear und seine Freundin vorbei, um ihre Wasservorräte aufzufüllen.”Wow, habt ihr hier übernachtet? Was für ein schöner Platz.” Ja, ich seufze – zu schön um wahr zu sein…

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 9: California wildlife, part 2

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 22. Mai 2014

Meile 307: Smuggles, der alte Spassverderber, hat gesagt, wenn du in den Deep Creek Hot Springs badest, dringen fiese Killer-Amöben durch deine Nasenschleimhaut in deinen Kopf und fressen dein Gehirn auf.

Die französischen Touristen, die munter in den 40 Grad heissen Naturbecken am Deep Creek planschen, wirken auf mich nicht wie gehirnlose Zombies. An dem kleinen Sandstrand sitzt ein kalifornischer Althippie. Er und seine Freunde kommen seit Jahren regelmässig zum baden in die abgelegen Bucht, gibt er Auskunft. Gut, sein Kumpel trägt keine Hosen, aber weitere Langzeitschäden scheinen die Quellen auch bei ihnen nicht hinterlassen zu haben. Ausserdem ist unsere letzte Dusche schon fast eine Woche her – die Sache ist entschieden und wir machen es uns in einem der heissen Thermalbecken bequem. Nur unsere Nasen halten wir gewissenhaft oberhalb der Wasseroberfläche. Man weiss ja nie.

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 8: California wildlife

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 22. Mai 2014

Meile 249: Es ist fruehmorgens, beschwingt laufe ich  durch einen schattigen Kiefernwald, ein paar Voegel zwitschern, als aus der Ferne ploetzlich ein dunkles Grollen ertönt. Habe ich mich verhört? Nein, da ist es wieder. Ein Baer.

Meile 250: Genauer gesagt sind es sogar zwei Baeren: ein pummeliger Schwarzbaer und ein gewaltiger Grizzly. Der Grizzly bruellt gerade den kleinen Schwarzen nieder, als er uns entdeckt. Er stellt sich drohend auf die Hinterbeine und fixiert uns.  Ich winke ihm freundlich zu und beisse in einen Muesliriegel. “He Grizzly, wie erkennt man  den Unterschied zwischen einem Schwarzbärhaufen und einem Grizzlyhaufen? – Im Grizzlyhaufen sind Glocken und er riecht nach Pfeffer.” Der Grizzly grollt. Humor hat er also nicht. Auch der Löwe und der Tiger weiter hinten scheinen ziemlich schlechte Laune zu haben. Hätte ich aber wahrscheinlich auch, wenn ich mitten im Wald in einem viel zu engen Käfig eingesperrt wäre. Keine besonders nette Art, mit Filmstars umzugehen. Die “wild animal cages” an denen der PCT vorbeiführt, sind eine entlegene Aussenstelle Hollywoods. Der Tiger, so munkelt man, hat in “Gladiator”mitgespielt.

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Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 7: Hiking without a guitar is ultralight, but far too sad.

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 22. Mai 2014

Meile 210: “Trail angels ahead” kuendigt eine hoelzerne Tafel an. “Food”, “Cold Drinks”, “Shower” und “Laundry” steht auf weiteren Tafeln entlang des  trails zu lesen. Wir sind froh, dem bruetend heissen, bissigen Wuestenwind fuer eine Weile zu entkommen und folgen den Wegweisern bis in einen von einer Bretterwand eingezaeunten Hinterhof. Hier wohnen “Ziggy and the Bear”, ein  älteres Ehepaar mit einem grossen Herz fuer PCT Hiker.

Auf der schattigen Veranda sind fast alle versammelt die uns in den letzten Tagen auf dem trail begegnet sind: der junge Englaender, dem beim Abstieg vom Mount San Jacinto das Wasser ausgegangen ist, die drei Ex-Soldaten, die mit der Charity-Organisation “Walking Warriors” unterwegs sind, ein liebenswuerdiges Paerchen namens “Horrible” und “Terrible” und einige mehr.  

Eine weitere dreckige, verschwitzte Gestalt betritt kurz nach uns den Hof. “No way”, rufe ich, Haendeschuetteln, Gelaechter: Ben, “Shredder”, muesste uns eigentlich weit voraus sein: er laeuft doppelt so schnell wie wir, macht im Schnitt 25 Meilen am Tag und traegt einen winzigen Rucksack. Und eine Ukulele. Ben und seine Ukulele haben wir  am Lake Morena kennengelernt. Eine Woche später,  bei Scissors Crossing, tauchte er wieder auf. Diesmal ohne Gitarre. “Too heavy”, antwortete er damals mit einem Schulterzucken auf die Frage nach dem Instrument. Jetzt  sinkt er in das speckige Sofa und klimpert seelig vor sich hin. “Weisst du”, erklaert er, “mein Rucksack war zwar ohne die Gitarre leichter, aber ohne sie war ich so traurig.Und einsam.” Er grinst und schlaegt einen weiteren Akkord an. “Also habe ich sie mir wiedergeholt. Die wichtigsten zwei Pfund in meiner Grundausrüstung.”

Wir bekommen ein Fussbad hingestellt und trinken kalte Sodas. Einer nach dem anderen verschwindet in der kleinen Duschkabine am Ende des Hofs.  Ein ehrenamtlicher Helfer nimmt eine Sammelbestellung fuer Burger King auf. Schlaefrige Ruhe breitet sich aus.

“Glaubt ihr, dass man sein Leben selber lenkt, oder ist alles was passiert Schicksal und vorherbestimmt?” will Ben wissen  und schiebt sich eine letzte Pommes in den Mund. Ich bin eigentlich  zu satt fuer Philosophie. “Hääh?” frage ich ausweichend. “Ich meine, wie um alles in der Welt bin ich eigentlich hier gelandet: irgendwo mitten in der Wueste, im Hinterhof wildfremder Leute, mit einem Haufen ungewaschener Typen und einem Doppelwopper?”  

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Schrittzaehler. Pacific Crest Trail, Kapitel 6: Snow. Snow?

von WanderLena, Kategorie Allgemein am 19. Mai 2014

IMG_2014051928623Meile 151: Trail closure. Im letzten Jahr gab es in der Gegend um Idyllwild heftige Waldbraende, der Trail ist noch immer von umstuerzenden Baeumen blockiert. Zutritt strengstens verboten. Erst vor kurzem wurden zwei Hiker im gesperrten Gebiet erwischt – beide mussten mehrere tausend Dollar Strafe zahlen.  Wir versuessen uns die Zwangspause erst einmal mit Tortillas und Bier im Paradise Corner Cafe und waegen unsere Optionen ab. “Puristen” unter den PCT Hikern laufen die 20 Meilen bis Idyllwild am Highway entlang.  Oder…wir schummeln. Es ist heiss und die Strasse nach Idyllwild fuehrt stetig bergauf. Die Versuchung ist also mehr als gross. Mit an unserem Tisch sitzen Karrie, Ian und Ryan. Alle drei wollen nach Idyllwild trampen. Wir schwanken noch, als ein Auto vor dem Café haelt. “Hej,” ruft der Fahrer, “Wir fahren zum Lake Morena, zum PCT Kick-Off-Event. Wollt ihr mitfahren?” Der PCT Kick-Off am Lake Morena ist so etwas wie der offizielle Startschuss fuer die Through-Hiker-Saison, ein kleines Festival, das jedes Jahr Ende April stattfindet. Der Neuankoemmling ist PCT-Veteran und heisst “Storyteller”. Wir erklaeren, dass wir unterwegs in die andere Richtung sind, nach Idyllwild. Storyteller  zuckt mit den Schultern. “Ok. Kein Problem, ich fahr euch.” Das schoenste an der Versuchung ist, ihr nachzugeben.

Meile 179, off trail: “Ihr bleibt besser hier, bis der Schneesturm vorbei ist.” raet Jim, Eigentuemer des outdoor shops “Nomad adventures” in Idyllwild. Er zeigt auf die gewaltigen Felsen, die sich ueber dem Ort auftuermen.”Dort oben wird es heute nacht ziemlich ungemuetlich.”

Das ist doch ein schlechter Scherz – noch vor ein paar Stunden sassen wir in kurzen Hosen unten vor dem Paradise Corner Cafe in der Mittagshitze und  jetzt, nur ein paar hundert Meter weiter oben, sollen wir uns vor einem Schneesturm verschanzen? Mully, PCT Hiker aus LA, betritt den Laden und sieht frustriert aus. “Hej Leute, hier gibt es kein einziges Hotelzimmer mehr.  Keiner will raus in den Schneesturm.” Schoene Aussichten. Wir haengen noch eine Weile bei Jim herum. Bea braucht neue Schuhe, ich kaufe vorsichtshalber einen Regenschutz. “Ich ruf mal bei der Silver Pine Lodge an – vielleicht haben die ja doch noch was frei.” sagt Jim schliesslich. Volltreffer. Jemand hat vor fuenf Minuten storniert. Wir bekommen ein Zimmer. Allerdings nur wenn wir zwei Naechte bleiben.

Meile 179, off trail: “zero day”: Ueber nacht ist Schnee gefallen. In der Lounge der Silver Pine Lodge prasselt das Kaminfeuer. Frischgeduscht sinke ich in das schwere Ledersofa und lege die Beine hoch. Ich habe nicht vor, mich hier  heute noch einmal wegzubewegen…

Meile 182: Zurueck zum trail. Frueh am morgen steigen wir ueber “devils slide”, die “Teufelsrutsche”, auf zum 10.800 Fuss hohen Mount San Jacinto. Die weisgepuderten Felsen glaenzen in der Morgensonne, unter uns liegen dichte Tannenwaelder. Wir sind guter Dinge, fuehlen uns ausgeruht und bereit fuer Rekordmeilen.

Meile 189: Seit Stunden stecken wir bis zu den Knoecheln in sulzigem, nassem Glibberschnee. Mit jedem Schritt vorwaerts rutschen wir zwei Schritte zurueck, unsere Fuesse sind pitschnass, die Daemmerung bricht ein und ein eiskalter Wind pfeifft uns um die Ohren. Ich bin zutiefst erkschoepft. Auf dem engen Gebirgspfad ist kein Platz fuer ein Zelt, cowboycamping bei diesem Wetter unvorstellbar. Erst in drei Meilen, hinter dem Pass, soll ein flacher Zeltplatz kommen.

Meile 192: Im Stockfinstern versuche ich, mit klammen Fingern und laut fluchend, die Zeltheringe im sulzigen Schnee zu befestigen. Wenigstens habe ich ein richtiges Zelt, troeste ich mich. Ein paar Meter weiter entdecke ich einen Hiker, der unter einem halboffenen Tarptent kauert…

Meile 193: Endlich wieder unter der Schneefallgrenze. 13 Meilen  Abstieg liegen vor uns. Ich spuere, wie auf meinen durchweichten Fuessen eine Blase nach der anderen spriesst.

Meile 205: Eine Meile, bevor der Bergpfad ins Tal muendet, campen wir. Ueber uns thront der schneebedeckte Gipfel des Mount San Jacinto. Unter uns glueht die Mohave-Wueste. Am Horizont ist eine grosse Tube Abendrot ausgelaufen.

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