Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 18: Deathmarch to Independence

Geschrieben von WanderLena am 24. Juli 2014 | Abgelegt unter Allgemein

IMG_2014072329735Meile 750: Tag drei in den Sierras. Wir haben den Inhalt unserer bear canister vor uns ausgebreitet. Betretenes Schweigen. Noch ganz schön viele Meilen bis Independence für so wenig Proviant. Was tun? Auf den langwierigen Abstieg über  Horseshoe Meadows nach Lone Pine hat keiner von uns Lust – ausserdem sind wir an der Abzweigung schon vorbei. Für drei Tage könnten unsere Vorräte gerade noch so reichen – wir müssen eben rationieren. Fest schauen wir uns an: Wir schaffen das. Waterfall und Back-up gesellen sich zu uns, kurz darauf Beeline,  ein weiteres6 Mädchen kommt gerade von ihrem resupply-stop in Lone Pine zurück. Als wir unsere Situation schildern, schenkt uns Waterfall fünf Snickers und sechs Ibuprofen, Beeline lacht uns aus und das Mädel schüttelt mitleidig den Kopf: “In three days to Independence? You are on a deathmarch…”

Meile 752: Wie um den Wahnwitz unseres Unterfangens zu untermalen, führt der trail uns erst einmal steil bergauf. Von oben schauen wir gebannt zurück auf den kreisrunden Chicken Spring Lake mit den fast senkrechten Felswänden am rechten Seeufer. Ich seufze  wehmütig. Hier campen heute nacht ultra-heavy-hiker und solche, die den Resupply-Abstieg nach Lone Pine auf sich genommen haben. Wir nicht. Wir müssen weiter.

Meile 766: Auf einer Bilderbuch-Lichtung grasen zwei Rehe. Ein kristallklarer Gebirgsbach vervollkommnet die Idylle. Der trail zum Mount Whitney zweigt hier ab, viele hiker gehen bis zum Gipfel nur mit leichtem Tagesgepäck weiter und so finden wir einige verlassene Zelte vor. Wir campen nicht hier. Wir müssen weiter. Mit knurrendem Magen.

Meile 779: Wir befinden uns über der Baumgrenze, inmitten einer  Mondlandschaft von surrealer Schönheit.

Zugegeben, ein bisschen mulmig ist uns schon, angesichts unseres straffen Zeitplans. Doch eigentlich kommen wir ja ganz gut voran. Da wäre nur noch eine winzige, winzige Kleinigkeit, die ich bisher noch nicht erwähnt habe: zwischen uns und dem Grocery Store in Independence erhebt sich der Forester Pass, mit 13.159 Fuss nur unwesentlich niedriger als Mount Whitney und höchster Punkt des Pacific Crest Trails. Ja, achso, und eine unbestimmte Menge Schnee liegt auch noch auf dem Pass.

Meile 777: Ich stehe auf einem Felsbrocken und schreie. Ich muss einfach. Was da vor mir liegt, ist so unbeschreiblich, grossartig, vollkommen und wunderschön.  Markante, mit Schnee garnierte Felswände umgeben mehrere stahlblaue Seen, in die sich  Schmelzwasser ergießt. Der Himmel ist klar und weit.

Mein durchdringendes Gejohle hat einen griechischen Gott aus dem Olymp herbeigelockt.  Mit leichten, kraftvollen Schritten schreitet er auf mich zu. Sein nackter Oberkörper ist muskulös und sonnengebräunt. Er trägt einen winzigen Rucksack und eine RayBan.  Ach nein… doch kein Gott. Nur Neon, der sich für einen Gott hält. Ich steige von meinem Felsen herunter und schlage in die Gettofaust ein, die er mir hinhält. Gemeinsam versuchen wir,  an den steilen Felswänden den trail zum Forester Pass auszumachen. “Kann nur nach links abgehen. Die Wand direkt vor uns ist viel zu steil. Unmöglich,  da hochzukommen,” sage ich. Neon stimmt zu, dann schwebt er weiter.

Meile 778: Guess what? Es ist die Felswand direkt vor uns. In steilen Serpentinen schleppt sich der trail hinauf zum Forester Pass, unten versperren  vereinzelte Schneefelder den Weg,  Fusspuren weisen den Weg nach oben.

Meile 779: Und dann sind wir ganz schnell ganz oben, schauen weit in die Ferne auf schneebedeckte Gipfel. Zu viele sind es, um sie zu zählen. Ist das die dünne Luft, oder warum packt uns dieses Gefühl von Euphorie? Ich schaue zurück auf den trail, den wir hochgestiegen sind. Unmöglich? Nichts scheint unmöglich.

Meile 780: Ich sitze in der Klemme. Mein Bein steckt bis zur Hüfte im Schnee fest, mit jeder Bewegung verkante ich mich mehr. Die Nordseite des Forester Passes ist unter einer tiefen Schneedecke begraben. Die Nachmittagssonne hat den Schnee aufgeweicht und unser Abstieg wird zur Kraftprobe. Eine andere Wanderin nähert sich von oben und hilft mir aus der Falle. Vorsichtig taste ich mich weiter über das Schneefeld nach unten.

Meile 788: Es ist schon dunkel, als wir die Abzweigung zum Kearsarge Pass erreichen. Direkt neben dem trail lassen wir uns erschöpft sinken und übernachten unter freiem Himmel. Die restlichen sieben Meilen über den Pass bis hinunter zum Onion Valley Trailhead und der Strasse nach Independence wollen wir morgen vormittag angehen. Unsere bear canister sind bis auf je zwei Müsliriegel leer.

Früh am nächsten Morgen werden wir von einem alten Bekannten geweckt: Clint ist wie wir auch auf dem Weg ins Tal. Das letzte Mal haben wir ihn in Kennedy Meadows getroffen. Er findet, dass wir ziemlich erbärmlich aussehen, wie wir da in unseren Schlafsäcken am trail kauern, und als er hört, dass uns das Essen ausgegangen ist, wirft er uns zwei Müsliriegel zu. Mein rechter Fuss tut höllisch weh, also frage ihn nach Ibuprofen. Klar, sagt er, und zieht schwungvoll eine  XL-Ziplocktüte mit Medikamenten aus seinem Rucksack. Zu schwungvoll. Es regnet bunte Pillen auf den Trail. Clint geht auf die Knie und stopft sich beim Aufsammeln nebenbei ein paar Ibus in den Mund. “Oh,” frage ich besorgt, “hast du dich auch verletzt?” “Nö,mir fehlt nix.” Er zuckt mit den Achseln.  ”Dachte nur,  jetzt wo die Dinger schon mal draußen sind, nehm ich halt auch welche.”

Meile 793: Auf dem Pass geht es zu wie auf der Autobahn. Unsere Stimmung ist ausgelassen, wir kommen unglaublich langsam voran. Ständig kommen uns alte Bekannte entgegen, die nach dem Resupply-Stop wieder in die Sierras aufsteigen. Großes Hallo, Händeschütteln,  Umarmungen. “Independence ist stinklangweilig. Seht zu, dass ihr irgendwie weiter nach Bishop kommt. Da hat so ein Typ ein  neues hostel für hiker aufgemacht – das ist wie im Paradies dort,” rät Zendawg.

Also gehen wir nach Bishop…

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| 1 Kommentar »

Ein Kommentar zu “Schrittzaehler: Pacific Crest Trail, Kapitel 18: Deathmarch to Independence


am 12. August 2014 um 08:25 1.Patrick schrieb …

Einfach nur der Wahnsinn eure Wanderung, das muss ich jetzt endlich mal loswerden, nachdem ich die vorherigen Beiträge immer still mitgelesen habe. Ihr schreibt einfach unfassbar mitreißend und ich fühle mich beim Lesen fast so als wäre ich mit dabei :)

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