Schrittzaehler. Pacific Crest Trail, Kapitel 26:„The whole trail is on fire. You can all go home now.“

Geschrieben von WanderLena am 11. März 2015 | Abgelegt unter Allgemein

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Meile 1518: Wie auf einer Herzstromkurve ragen die scharf gezackten Felsen von Castle Crags vor uns auf. Am Himmel brauen sich dunkle Wolken zusammen. In der Ferne zucken Blitze.

Meile 1530: „Hast du es auch schon gehört?“ Ich schüttele den Kopf. „Es heißt, der Wald brennt. Irgendwo kurz vor Etna.“ „Dann müssen wir umkehren?“ Der Andere zuckt mit den Schultern.

Meile 1535: Rauchsäulen am Horizont.  Wir fühlen uns hilflos, ohne Radioempfang und Handynetz.

Meile 1540: Auf einem Hügel haben wir dann doch Netz und checken den „California Wildfire Report“: In den letzten Tagen hat der Blitz in Nordkalifornien über 300 Mal eingeschlagen. Doch die Brände sind noch 40 Meilen nördlich von uns. Zwischen uns und dem Feuer, weniger als zwei Tagesetappen von hier, liegt Highway 3. Unser Notausgang.

Meile 1545: Rauch liegt in der Luft.  Was wenn der Wind die Feuer in Richtung trail treibt? Was wenn weitere Gewitter aufziehen, bevor wir den Highway erreichen?

Meile 1554: Zwei Frauen kommen mir entgegen. „SAR“ – „Search and Rescue“ lese ich auf ihren orangenen Westen. Ob wir einen älteren Herrn ohne Rucksack gesehen haben? Ein Wanderer ist von einer Tagestour nicht zurückgekommen. Ich schüttele den Kopf.

Meile 1559: Wir sind sieben Meilen vom Highway entfernt, als plötzlich etwas passiert. Die Farben verändern sich, ein dumpfer, orangener Film überzieht die Welt. Scharfer Rauch beißt uns in der Lunge. Dann regnet es Asche.

Meile 1566: Am Highway 3 steht ein Polizeiwagen. Mehrere Männer und Frauen sitzen ein wenig entfernt unter einem Pavillon.  Dichte Rauchschwaden hängen über der  provisorischen Einsatzzentrale der Search and Rescue Mannschaft. Gerade verlässt ein älteres Ehepaar die Gruppe und steigt in einen SUV. Bea streckt ihnen ihren Daumen entgegen und wir haben Glück: Die beiden fahren uns ins 20 Meilen entfernte Etna. Ich steige ein und kurbel schnell das Autofenster hinauf. Die Luft draußen schmeckt bitter nach Qualm. Die Berge sind rauchverhangen.  Ob sie den Vermissten gefunden haben, frage ich die Frau. Sie schüttelt den Kopf. Am Straßenrand sehen wir Bandit und Cancan. Sie haben Tücher vors Gesicht gepresst und laufen mit gesenktem Kopf Richtung Etna.

Etna: Eine Menge dubioser Gestalten tummelt sich in der Etna Brewery.  Müffelnde Männer und ungekämmte Frauen. Style Code: Vollbart, Funktionshirt, Shorts und Trailrunner. Gestrandete hiker. Einige sitzen schon seit Tagen hier fest, andere sind, wie wir, heute erst angekommen. Alle reden durcheinander. Heute Morgen gab es eine Explosion im Wald kurz hinter dem Highway 3, erfahren wir.  Aber das ist nicht alles – die Feuer sind überall: Kalifornien brennt.  Oregon brennt. Washington steht in Flammen. Wir sind unter den Letzten, die zu Fuß bis hierher durchgekommen sind. Der Forest Service hat weite Strecken des PCT gesperrt. Nördlich von Etna ist der trail noch offen, trotzdem herrscht Ratlosigkeit. Einige Beunruhigte beschließen, 120 Meilen weiter nach Norden zu trampen und erst in Ashland wieder zurück auf den trail zu gehen. Auf Facebook schreibt jemand: „The whole trail is on fire. You can all go home now.“

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