Schrittzaehler. Pacific Crest Trail, Kapitel 31:So close, but so far away

Geschrieben von WanderLena am 11. März 2015 | Abgelegt unter Allgemein

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Meile 2397: Bea sitzt am Wegesrand und wartet auf mich. Erschöpft lasse ich mich fallen. „Wie weit?“ frage ich. „Vier Meilen.“ Ich stöhne. Wir sind auf dem Weg zum Snoqualmie Pass, dort kreuzt der trail einen highway. Unser nächster „town stop“ ist eine Autobahnraststätte. „Kurze Pause?“ frage ich. Bea nickt.

Es war ein langer Weg bis hierher. Ich fühle mich ausgelaugt und kraftlos. Aber wir sind fast am Ziel, in zwei Wochen sind wir in Kanada. Endlich. Endlich jede Nacht in einem warmen Bett schlafen. Jeden Tag duschen und eine warme Mahlzeit essen. Nie wieder Müsliriegel und Tortillas. Nie wieder schmerzende Füße und nasse Socken. Nie wieder nachts vom Airpad rollen, weil das Zelt am Hang steht. Nie wieder zelten. Nie wieder zum leisen Gesang des Waldes einschlafen. Nie wieder beim Frühstück zusehen, wie die ersten Sonnenstrahlen zwischen den Baumkronen funkeln. Nie wieder Gipfelglühen am Nachmittag. Nie wieder Gipfel! Kein weiter Himmel, kein weites Land mehr! Keine neugierigen Rehe, vorwitzigen Chipmunks und übereifrigen Kolibris. Kein rosa Plastikflamingo, der aus Mary Poppins Rucksack lugt. Kein Mary Poppins. Kein Uberdude. Kein Trolley.  Kein Birdbath, der im Gehen ganze Gedichtbände liest. Kein Sacred Cow, dem die Vögel aus der Hand fressen. Kein Ninja, der versucht, mich vom trail zu schubsen. Kein Whisky, der mich Huckepack trägt. Kein Blue, der seinen Bourbon mit uns teilt. Kein Stomper, der alleine eine Partypizza verdrückt und dann französisch näselnd feststellt „Now, I am ´appy“. Kein Gil. Keine Hugs. Keine Pockets. Keine Pippin. Überhaupt gar keiner mehr.

Meile 2401: Bea will kein Frühstück! Kreidebleich lugt sie unter der Bettdecke vor und schüttelt den Kopf. „Mir geht’s nicht gut“ flüstert sie. Also bleibt sie im Hotelzimmer. Und während ich im „Summit Inn Pancake House“ sechs Pfannkuchen mit Sahne herunterschlinge, pendelt sie schwankend zwischen Badezimmer und Bett hin und her.

Nach dem Frühstück gehe ich einkaufen. Im Tankstellen-Shop. Auf dem Gehweg vor dem Laden sitzen Appache, Pacman, Mary Poppins, Cabooze, Sacred Cow, Stomper, Sindbad und Birdbath. Alle haben schon aus dem Hotel ausgecheckt, aber keiner hat Lust aufzubrechen. Vielleicht sind sie genauso ausgelaugt wie wir, vielleicht wollen sie das Ende der Reise hinauszögern. Ich setze mich dazu. „Wo ist Detour?“ „Krank“ sage ich „Wir bleiben hier, bis es ihr besser geht.“ „Oh nein, die Arme. Und euer Zeitplan?“ Ich zucke die Schultern. In genau 20 Tagen, am 5. Oktober, fliegen wir nach Deutschland zurück. An dem Tag, an dem unser sechsmonatiges Besuchervisum ausläuft. Verlängerung ausgeschlossen.

Ich ziehe mein Smartphone aus der Tasche und tippe Zahlen in den Rechner: 260 Meilen geteilt durch 25 Meilen pro Tag macht 12 Tage von hier bis Kanada. Plus zwei Tage für resupply-stops und ein Tag für die Fahrt zum Flughafen nach Seattle: 15 Tage –schaffen wir. Wenn wir unser Tempo halten. Aber vor uns liegen die Northern Cascades, einer der schwierigsten Abschnitte des PCT, Hochgebirgs-Terrain mit vielen Anstiegen. Ich tippe wieder. 260 durch 20 plus 2 plus 1 gleich 16 Tage. Das Wetter kann hier Ende September jederzeit umschlagen. Sollte es schneien, schaffen wir im Gebirge keine 20 Meilen pro Tag. Also noch einmal von vorne: 260 durch 15 plus 2 plus 1 gleich: 20,3333.  „Du siehst auch ein bisschen blass aus. Willst du einen Schluck Whisky?“ fragt Poppins. Ich nicke.

Meile 2476: Auch heute Morgen ging es Bea noch nicht besser. Da saßen wir nun. An einer Autobahnraststätte irgendwo in Washington, meilenweit entfernt von der nächsten Arztpraxis. Auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit haben wir auf facebook um Hilfe gebeten. Keine fünf Minuten später antwortete Tentmonster „ich fahre euch“. Wir haben Tentmonster in Südkalifornien kennengelernt. Er ist 1000 Meilen auf dem PCT gewandert, dann ist er zurück nach Hause gefahren, hierher nach Washington. Er fährt uns zum Arzt und weiter bis nach Skykomish, einer winzigen Stadt 60 Meilen trailaufwärts.

Der Arzt hat Bea Antibiotika und mehrere Tage Ruhe verschrieben. Also machen wir in Skykomish Station bei den Dinsmores. Andrea Dinsmore beherbergt seit 11 Jahren PCT hiker auf ihrem großen Grundstück. Die Garage hat sie zum hiker dorm  mit  Stockbetten, Sesseln und Fernseher umfunktioniert. Es gibt eine Waschmaschine, eine warme Dusche und eine gute Seele, die sich um kranke hiker kümmert.

Jemand hat eine Videokassette in den antiken Fernseher der Dinsmores geschoben. Während ich Ghostbusters schaue,  hadere ich mit mir,  weil ich die 60 Meilen trail von Snoqualmie bis Skykomish ausgelassen habe.

Meile 2470: Meine Geschichte nimmt eine neue Richtung. Ich laufe südwärts. Alleine. Zurück zum Snoqualmie Pass, während Bea in Skykomish ihren Infekt auskuriert.

Meile 2460: Die ersten, die mir am Nachmittag entgegen kommen sind Mary Poppins und Sindbad. „What the f…“ sagt Poppins als er mich entdeckt. „I am going back to Mexico“ rufe ich ihm zu und er lacht.

Meile 2455: Es dämmert. Pacman bemerkt mich erst, als ich vor ihm stehe. „What the f…“ sagt er. Ich verrate ihm, dass Poppins und Sindbad ungefähr zehn Meilen voraus sind und heute noch bis zum Highway wollen. Dass Poppins und Sindbad die Etappe als Erste beenden, kratzt gewaltig an seinem Hiker-Ego. Hinter Pacman taucht Apache aus der Dunkelheit auf. Apache hat keine Zeit, „What the f…“  zu sagen, denn obwohl er heute schon dreißig Meilen gemacht hat, hat sein Kumpel Pacman noch Großes vor: „Apache, los weiter, wir müssen Poppins und Sindbad einholen. Heute noch!“

Meile 2430: Heute ist mein 36. Geburtstag. Ich bekomme: einen makellos blauen Himmel, einen glasklaren Gebirgsbach, leuchtendrotes Herbstlaub und ein unvergessliches Gipfelpanorama.

Meile 2402: Eine Meile vor dem Highway fängt es an zu regnen. Bis ich am Pancake House ankomme, bin ich pitschnass, aber glücklich. Bea hat in Skykomish einen Fahrer organsiert, und eine Portion Pfannkuchen später holen die beiden mich ab.

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