Schrittzaehler. Pacific Crest Trail, Kapitel 32:Pack explosion beach

Geschrieben von WanderLena am 11. März 2015 | Abgelegt unter Allgemein

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Meile 2479: Es tröpfelt. Ich sitze an einem kleinen Bach und tippe unruhig mit den Füßen hin und her. Wo ist Bea?

Ein Trail Angel hat uns heute Morgen von Skykomish zum Stevens Pass gefahren. Vor einer guten Stunde sind wir von dort aus losgelaufen: Sacred Cow, Cabooze, Trolley, Partysaver, Bea und ich.

Schon nach zehn Minuten habe ich Bea abgehängt. Bea, die mir seit Wochen voraus läuft, Bea, die sonst locker drei Meilen die Stunde läuft, lässt heute auf sich warten. Ich bin kurz davor, umzukehren. Dann biegt sie um die Ecke. Kreidebleich und zittrig setzt sie sich zu mir. Der Infekt ist noch nicht ausgestanden. Wir kehren um, zurück zum Highway.

Meile 2506: Draußen ist es schon hell. Ich liege in meinem Zelt und lausche dem Regen. Nachdem Bea eine Mitfahrgelegenheit vom Stevens Pass zurück nach Skykomish bekommen hat, bin ich alleine zurück auf den trail. Seitdem regnet es Bindfäden. Ich taste nach meiner Hose. Klamm. Meine Jacke. Feucht. Socken. Naß. Ersatzgarnitur? Haben through-hiker nicht. Ich seufze. Widerwillig streife ich die nassen Sachen über. Regen hin oder her – höchste Zeit, aufzubrechen: In vier Tagen wollen Bea und ich uns am Highway am Rainy Pass wiedertreffen. 90 Meilen von hier. Ich muss weiter.

Meile 2512: Cabooze und Sacred Cow zelten am Wegesrand. Es ist elf Uhr vormittags. Cabooze ist gefrustet. „Wir warten noch ein bisschen ab, ob der Regen aufhört.“

Meile 2516: Nachmittags laufe ich an Trolleys und Partysavers Tarp-Tents vorbei. „There`s some lazy hikers“ schimpfe ich neidisch, weil die beiden im Trockenen sind. Trolley lacht: „Ich bin heute nacht um zwei aufgewacht. Mein Zelt wurde überflutet. Alles stand unter Wasser. Also haben wir zusammengepackt und sind die Nacht durchgelaufen.“ Warum hat er trotzdem so gute Laune? Trolley hat irgendwie immer gute Laune. Ich nicht.

Meile 2520: Regen peitscht mir ins Gesicht. Ich wate durch eiskaltes Wasser. Der komplette trail ist überflutet. Dann fängt es an zu hageln.

Meile 2527: Wie wir in der Wüste um Wasser gebettelt haben. Wie wir gefleht haben, es möge regnen und nie wieder aufhören. Wir Narren.

Meile 2529: Ich bin nass bis auf die Haut, meine Finger sind steif vor Kälte und ich zittere wie Espenlaub. Immer wieder rutsche ich auf dem lehmigen Untergrund aus. Als ich gerade in Tränen ausbrechen will, weil ich mich so einsam und verlassen fühle, raschelt es hinter mir. „Lapdog, you all right?“ Scenic, in zwei riesige, schwarze Müllsäcke eingehüllt, holt mich ein. Dicht hinter ihm folgt Canthike55. Ich schlucke meine Tränen hinunter. Laut fluchend laufen wir weiter.  Eine Weile später gabeln wir noch Slomo auf, der auch ziemlich mitgenommen aussieht.

Meile 2531: Im Gehen fahre ich mit der Hand unter den Regenschutz meines Rucksacks und fühle den Stoff. Pitschnass. „Hast du deinen Schlafsack in eine Tüte gepackt?“ fragt Scenic besorgt. Damn it. Ich habe gar nicht daran gedacht, Plastiktüten mitzunehmen. Das wird übel heute Nacht. Doch Ritter Scenic in seiner Mülltüten-Rüstung rettet mich: aus den Tiefen seines Rucksacks zaubert er noch einen riesigen, schwarzen Sack hervor und überreicht ihn mir feierlich. Ich bin gerührt. Dieser Müllsack ist wohl mit Abstand das schönste Geschenk, das mir jemals jemand gemacht hat.

Meile 2541: Als Scenic, 55, Slomo und ich am vierten Morgen in aller Frühe aus unseren Zelten kriechen, reißen die Wolken auf. Theatralisch wie eine eitle Hollywood-Diva feiert die Sonne ihr Comeback, schwebt als glühendroter Feuerball hinter den Bergen hervor und setzt den Himmel in Flammen.

Meile 2546: Zum dritten Mal kramt Slomo seine Karte aus der Tasche und studiert sie intensiv. Irgendwo hier zweigt der „Old PCT“ ab, eine Abkürzung, die uns fünf Meilen spart. Falls wir sie finden. Seit einer Viertelstunde drehen Slomo und ich uns nun schon ratlos im Kreis. Der Trampelpfad rechts endet nach einigen Metern im Gestrüpp. Links von uns fließt ein Fluss, am anderen Ufer wuchert undurchdringlicher Urwald. Moment mal. Ich kneife die Augen zusammen. „Slomo?“ Er sieht es auch: eine Steinmarkierung. Der trail führt mitten durch den Fluß.

Meile 2547: Der Wald hat den „Old PCT“ schon vor sehr langer Zeit zurückerobert. Wir stolpern über versteckte Wurzeln, schliddern über lehmige Grasnarben, quälen uns über glitschige, moosbewachsene Baumstämme und kriechen unter verschlungenen Ästen hindurch. Riesige Farne und zarte Baumsprösslinge sprießen aus dem Boden. Ehrfürchtig blicke ich hinauf zu den mächtigen Baumkronen. Ein paar vorwitzige Sonnenstrahlen dringen vereinzelt durch das grüne Dach.  Zwischen den  Ästen hängen kunstvoll gewobene Spinnennetze, groß wie Suppenteller.

Meile 2553: Unvermittelt endet der Urwald und wir finden uns auf einem weiten Strand wieder. Vor uns tost ein breiter Fluß. Während wir nach einer sicheren Furt  Ausschau halten, brechen Scenic und 55 aus dem Gebüsch. Dann tönt aus dem Wald ein Jagdhorn: Cabooze und Sacred Cow sind im Anmarsch. Nachdem wir gemeinsam einen Baumstamm für die Flußüberquerung und ein sonniges Plätzchen für die Mittagspause ausgemacht haben, tauchen als letztes Trolley und Partysaver auf. Unsere kleine Lunch-Gesellschaft ist komplett. Wir lümmeln uns auf die Felsen und sofort entsteht ein reger Handel: Tortillas gegen Müsliriegel, Erdnussbutter gegen Beef Jerky, Chips gegen Gummibärchen. Die Sonne scheint uns ins Gesicht und als unsere kalten Glieder auftauen, schließen wir einer nach dem anderen unseren Frieden mit der launischen Natur. Wir sind schließlich nicht nachtragend.

Nach dem Essen breiten wir unsere Ausrüstung zum Trocknen aus. Der Strand ist übersät von nassen Socken, dreckigen Shirts und klammen Schlafsäcken. Trolley lässt seinen Blick über das Chaos schweifen und erklärt, mit Pathos in der Stimme: „Hereby I name this unknown, beautiful place: Welcome, everyone,  to Pack Explosion Beach.“

Meile 2599: Am Rainy Pass wartet Bea auf mich. Und trail magic: ein Ehepaar aus Seattle kocht warmen Kakao. Wie gut das tut. Es ist kalt geworden und die Wettervorhersage kündigt Schnee an.  Noch drei Tagesetappen bis Manning Park, Kanada.

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